Große Haie

Einen kleinen Augenblick habe ich Orientierungsschwierigkeiten, als um halb sechs der Wecker klingelt. Ich muss nicht duschen, Kaffee trinken und zur Arbeit fahren. Statt Allgemein-, Unfall- und Neurochirurgen warten heute bei der Visite echte Raubtiere auf mich. Micha und ich packen schweigend unsere Bade- und Tauchsachen zusammen. Der Kleinbus fährt um sechs.

An der Anlegestelle der Zodiacs geht gerade die Sonne auf und wir stellen fest, dass es um halb sieben noch verdammt kalt ist. Das nur halb getrocknete Neopren macht die Sache nicht besser. Außerdem hat der Wind tüchtig aufgefrischt, was uns außerdem fünf Meter hohe Wellen beschert. Unser Captain steuert das ‚Aufblasboot‘, wie Tauchlehrerin Ira aus Aserbaidschan mit ihrem charmanten Akzent das Speedboat mit Außenborder nennt, mit schlafwandlerischer Sicherheit auf unser Ziel zu. Der Fahrtkomfort in den nächsten 30 Minuten liegt irgendwo zwischen Bullenreiten und Achterbahn, und Steffi aus München macht noch bevor wir uns rittlings in die schäumende See werfen mehrere Farbumschläge durch. Ob es am Wetter liegt oder an der Nachsaison: heute haben wir Elphinstone, einen der zehn wohl besten Tauchplätze der Welt, ganz für uns.

Elphinstone kann man von unserer Hotelanlage gerade noch erkennen. Es liegt im offenen Meer, direkt am Horizont, und ist regelmäßig das Ziel von Tauchkreuzfahrt-Schiffen, die stahlend weiß zu uns herüber leuchten. Heute fahren selbst die großen Schiffe das Riff, das vollkommen intakt ist und von riesigen Fächergorgonien bewachsen wird. Wir brauchen drei Anläufe, bis wir endlich ins Wasser gleiten können, weil das Schlauchboot dafür für eine Minute ruhig liegen muss, so dass wir alle sechs und beide Guides unsere Ausrüstung anlegen können. Im vergangenen Jahr brauchen wir zwei Anläufe, um diesen Tauchgang zu machen, weil uns beim ersten Versuch die Strömung zum Abbruch zwang. Heute sind die Bedingungen unter der Wasseroberfläche viel besser als die Anfahrt uns hat vermuten lassen. An dem bananenförmigen Riff, das in Nord-Süd-Richtung verläuft und deren Wände nahezu senkrecht auf viele hundert Meter abfallen, herrscht oft eine starke Strömung, welche reichlich Haie anlockt. Im Winter bricht die Saison der Weißspitzen-Hochseehaie an, die bis zu drei Meter lang werden können. Heute ist die Strömung kaum spürbar, und so ist der Tauchgang ausgesprochen entspannt, wenn man davon absieht, dass wir es vermeiden zu flach zu tauchen, um nicht in die Waschmaschinenwellen an der Oberfläche zu geraten, die von unten aussehen wie Sturmwolken, nur dass sie sich viel schneller bewegen.

Nach dreißig Minuten zwischen Weichkorallen, Riesendrückern, Muränen und Napoleons driften wir langsam vom Riff weg, direkt ins Blau. Etwa zehn Minuten verbringen wir im Nirgendwo, bis sich plötzlich ein Schatten materialisiert, der unseren Puls höher schlagen lässt. Gut, dass unser Guide Michael uns vor unserem Aufbruch das kleine Einmaleins des Umgangs mit dem Longimanus erklärt hat. „Die sind so neugierig wie kleine Kätzchen“, hatte er uns erklärt. „Manchmal schwimmen sie direkt auf einen Taucher zu, um zu sehen, wer sich da in ihrem Gebiet herum treibt. Sie haben auch schon Taucher mit der Schnauze angestupst, um sie besser einschätzen zu können, aber sie tun euch nichts. Was immer sie machen, verfallt nicht in Panik, und wendet ihnen niemals den Rücken zu!“

Da das ‚Kätzchen‘ beim Briefing nicht anwesend war, sind wir trotzdem ein wenig aufgeregt, als der zweieinhalb Meter-Hai mit weit abgespreizten Brustflossen direkt auf uns zu schwimmt. Allerdings hat er offenbar kein Interesse daran, mit unserem Neopren auf Tuchfühlung zu gehen. Majestätisch schwimmt er bis auf Armeslänge auf uns heran, um dann elegant abzudrehen. Wie Beat, mein schweizer Unterwasserfotografie-Tutor mir erklärt, ist ‚Nahe dran‘ das Geheimnis wirklich gelungener Aufnahmen. Und ich frage mich, wie nahe ich dran sein muss, bis die Kamera weg ist – und die Arme auch! Voller Faszination beobachten wir das majestätische Tier, das offensichtlich aber keinen Appetit auf mein Kameragehäuse hat, so lange, bis er wieder im Blau verschwunden ist. Diesen Anblick nehmen wir tief beeindruckt mit uns an die Wasseroberfläche, und auch eine Stunde später, beim Frühstück, sind wir immer noch begeistert. So viel ist klar: sollte die Ausfahrt in den nächsten Tagen noch einmal angeboten werden, wird bei uns der Wecker wieder um halb sechs klingeln. Wir sind süchtig! Wir sind wieder dabei!

© 2012 Vera Wittenberg

In geheimer Mission

Zwei Wochen nach der Rückkehr von Palau packen wir schon wieder die Koffer. Beziehungsweise die Tauchrucksäcke. Nicht, dass wir zum Spaß unterwegs wären – nein, wir haben einen Auftrag. Dieser lautet nun nicht etwa, den Resturlaub zu verbraten, oder dafür Sorge zu tragen, dass Micha auch 2012 wieder über 100 Tauchgänge loggen kann. Auch nicht, mir erneut einen Anlass zu geben, meine schriftstellerischen Fähigkeiten zu erproben – letzteres erweist sich nämlich unter dem strengen Regiment meines Reiseleiters als nahezu unmögliches Unterfangen, denn die Tags beginnen in aller Herrgottsfrühe noch vor dem Sonnenaufgang, und enden erst, wenn mir der Kopf beim Abendessen mit dem Gesicht voran auf den Dessertteller fällt. Bei fast täglich drei Tauchgängen und chronischem Schlafmangel habe ich bereits im letzten Jahr nach einem einzigen Post aufgegeben, und bin einfach nur noch getaucht.

Die Mission lautet auch nicht, herauszufinden, woran Kleopatra gestorben ist (das ist nämlich zu einfach: sie ist erfroren. Im Dezember. In Ägypten. Um den Touristenstrom in der Nachsaison nicht zu gefährden, wurde ihr Tod vertuscht und von allen Quellen nachtäglich als Selbstmord hingestellt.) Was immer euch die Leute erzählen: im Dezember braucht man im Land der Pharaonen dicke Sweatshirts, lange Hosen, Kapuzenpullis und Stricksocken. Mittags kann man mal kurz auf kurze Hose und Flip Flops wechseln, damit nicht nur die Nasenspitze braun wird. Oben rum behält man besser den Eskimo-Look bei, um sich bis zum nächsten Tauchgang schneller warm schnattern zu können. Unter Wasser darf’s ebenfalls ruhig ein Bisschen mehr sein. 7 mm Neopren sind okay, zumindest ausreichend für die ersten beiden Tauchgänge des Tages. Wer auf Nummer sicher gehen will, greift zu Eisweste oder halbtrockenem Anzug, es wurden allerdings auch Taucher im Trockentauchanzug gesichtet, die sich nicht über die Hitze beklagt haben.

Nachdem die Kleiderordnung also geklärt wäre, zurück zu unserer Mission. Nach abgebrochener Vorweihnachtszeit verlassen wir Glühwein und Zimtsterne, um uns auf die Suche nach dem geheimnisvollen Dugong zu machen. Im letzten Jahr fanden wir ja stattdessen Delfine. Und eine Reihe von Augenzeugenberichten, die allerdings alle aus einem Personenkreis stammten, der eng mit der Tauchbasis verbandelt war, und deshalb nicht als sehr glaubwürdig eingeschätzt werden konnte. Bevor wir also zu Plan B wechseln, der vorsieht, so viele Weihnachtsplätzchen zu essen, dass wir selber aussehen wie Dugongs, und das Vorkommen von Seekühen im südägyptischen Roten Meer (so wie die Geschichte über ein Wrack mit Namen „Rozy“ vor Malta) ins Reich der Mythen und Legenden zu verlegen, wollten wir der Geschichte noch einmal eine reelle Chance geben. Die Sache mit den Keksen läuft uns ja schließlich nicht weg.

Kälte hin oder her, da uns der Abschied bei Minusgraden und dem ersten Schnee nicht eben schwer gemacht wurde, waren die klimatischen Bedingungen bei unserer Ankunft, wenngleich nicht ganz Bikini-tauglich, trotzdem eine Verbesserung zu Mitteleuropa. Der arabische Frühling kann dementsprechend auch im Winter durchaus den einen oder anderen Sommer in unseren Breiten ganz schön blass aussehen lassen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn 28 Grad tagsüber, 16 Grad nachts und 25 Grad Wassertemperatur hätten wir im August zuhause oft auch ganz gerne. Das fast vollständige Fehlen von Wolken und Dauerregen führt außerdem dazu, dass sich unbekleidete Hautstellen nach einigen Tagen braun verfärben. Das gab es im Sommer früher bei uns auch!

Bei unserer Ankunft am Flughafen Marsa Alam bricht die Abenddämmerung an. Die ankommenden Weihnachtsflüchtlinge erfreuen sich an leeren Fliegern, fast ausgestorbenen Einreiseschaltern und an den mit Lichterketten in Stern- und Glockenform dekorierten Palmen auf dem Weg zum Tauchresort. Nach dem Abendessen nur noch schnell Zähne putzen und den Wecker stellen. Der erste Tauchgang startet bereits früh am Morgen!

© 2012 Vera Wittenberg

Abschied vom Paradies

Am letzten Donnerstag im November feiert der Amerikaner Thanksgiving, das neben Weihnachten zweitgrößte Fressen des Jahres. Und mit Amerika jeder Teil des Erdballs, der unter dem Einfluss der Vereinigten Staaten steht. Wo könnten wir unseren Truthahn zu diesem Anlass besser zubereiten lassen als im „Krämer’s“? Heute gibt es dort jedoch weder ein Tagesmenü noch à la carte. René hat sechs Truthähne nach verschiedenen Rezepten zubereitet, Stammgäste der ganzen Insel bringen Beilagen und Nachtisch. Für René ist es seine Art, seinen Gästen Danke zu sagen. Wer keine Küche hat um Beilagen zu produzieren, zahlt 20 Dollar. Dafür kann er sich dann durch ein Buffet fressen, bei dem sich die Tische biegen. Wir erscheinen in Begleitung unserer Gastgeber Rick und Lea, also in Begleitung zweier Stammgäste, die uns jeweils eine Schüssel in die Hand drücken, als wir die Gaststube betreten. Nach und nach erscheint neben der Inselprominenz auch der eine oder andere Tauchkumpane.

Wir treffen den Iren Connor, der als Bruder des Managers der Tauchbasis schon mehrfach auf Palau war, und sich im Heck des Bootes vor Wind und Wetter gern hinter seinem fliegenden Teppich verschanzte. Marc von den Kanalinseln (der mir versichert, dass er genau wie ich eine Schwäche für die klitzekleinen Einsiedlerkrebse hat) erscheint in Begleitung von Kerstin aus Bielefeld, die Palau als Abschluss einer Philippinen-Reise eingeschoben hat. Der Physiotherapeut Thorsten und seine Frau Anke leben auf Koror, seine Massagen gelten als Geheimtipp. Jürgen und Carmen sind bereits am Vorabend weiter geflogen in Richtung Hong Kong, um von da aus nach Berlin zurück zu reisen, Brandon und Qaesar sind schon längst zurück in Dubai. Christiane, ebenfalls aus Bielefeld, haben wir bereits am Flughafen in Seoul kennen gelernt. Sie hat uns in der ersten Woche auf unseren Tauchgängen begleitet, um danach weiter nach Yap zu fliegen. Peter aus der Schweiz kam gerade von dort und hat Christiane und alle anderen mit Tipps versorgt.

Wie immer ist ein gelungener Urlaub nicht nur abhängig von dem Ort, den man besucht, sondern auch von den Menschen, denen man begegnet. Unsere Thangksgiving-Feier bietet auch uns Gelegenheit,  Danke zu sagen. Danke an die tollen Menschen, denen wir begegnet sind. Und natürlich ein ganz besonders dickes Dankeschön an unsere Gastgeber Rick und Lea, die sich jeden Abend dafür begeistern konnten, unsere fotografische Ausbeute anzusehen. Wir genießen die Gesellschaft derer Verbliebenen, quatschen, prosten zu, umarmen, tauschen Email-Adressen und begehen so den letzten Abend auf Palau mit gutem Essen, gewürzt mit einer ordentlichen Priese Abschiedsschmerz. „Wenn wir nach Palau zurückkehren“, so versprechen wir René, „dann auf jeden Fall wieder zu Thanksgiving!“, und fragen ihn, ob er denn nächstes Jahr noch da wäre. Er lacht. „Ich bin jetzt seit 16 Jahren hier, da werde ich ein Jahr ganz bestimmt noch aushalten!“.

Ja, dass man es hier aushalten kann, das können wir uns wirklich sehr gut vorstellen.

© 2012 Vera Wittenberg

Landpartie

Am letzten Tag soll der Taucher gemeinhin nichts tun. Neopren trocknen. Trinkgelder verteilen. Koffer packen. Und Stickstoff abatmen. Wer durch zahlreiche gleichsam aufregende wie aufreibende Tauchgänge noch nicht geschafft genug ist, hat nun Gelegenheit, der Inselwelt mal genauer ins Angesicht zu schauen, welche man bislang ja nur „untenrum“ kennen gelernt hat. Und die über unseren nahen Abschied offenbar unglücklich ist. Zumindest beginnt der Tag regenreich, so dass wir uns ins örtliche Museum flüchten. Das Museum beherbergt neben Dokumenten aus verschiedenen Epochen und Kolonialherrschaften der Inseln, Exponaten von Palau und der benachbarten Inselwelt auch das französische Honorarkonsulat, welches es damit noch relativ gut getroffen hat, denn das deutsche Honorarkonsulat ist in einem Souvenirshop untergebracht. Wir betrachten Zeitzeugnisse der Walfänger, Dokumente spanischer, deutscher, japanischer und amerikanischer Herrschaft, Nachahmungen von Artefakten der handwerklich außerordentlich geschickten Ureinwohner – die Originale befinden sich selbstverständlich längst in Sicherheit in europäischen Museen! Außerdem Wissenswertes über traditionelle Riten, wie die Zeremonie zur Feier der Geburt des ersten Kindes in der matriarchalisch geprägten Gesellschaft sowie die lange Tradition des Betelnuss-Kauens.

Hatte ich immer geglaubt, dass die Seefahrer die Südseeinsulaner schön verarscht haben, als sie als Gastgeschenk Glasperlen mitbrachten, werde ich nun eines Besseren belehrt. Glasperlen wurden als Zahlungsmittel eingesetzt und von Generation zu Generation vererbt. Woher sie ursprünglich stammten, bleibt unklar, allerdings gibt es Hinweise darauf, dass ähnliche Glasperlen auch in alten asiatischen Kulturen als Schmuck und Zahlungsmittel Verwendung fanden. Für alte Original Glasperlen, die heute noch gelegentlich vom Grabräuber Ihres Vertrauens käuflich zu erwerben sind, werden Höchstpreise erzielt. Zu traditionellen Festen tragen die First Ladies eines jeden Clans ihre Glasperlen in verschwenderischer Vielfalt um den Hals, wohingegen jüngere Frauen stolz sind, eine einzige Perle ihr Eigen nennen zu können. Das Geld der benachbarten Inseln Truk und Yap macht sich um den Hals getragen nicht so schön aus, und auch im Portemonnaie trägt es etwas auf. Dort wurde Geld in Form hübscher Scheiben aus dem örtlichen Kalksandstein gefertigt. Je größer die in der Mitte durchlöcherten Steinmünze war, desto höher der Wert. Da manche Clanchefs durchaus zu Reichtum und Ansehen kamen, wog die größte gefundene Steinmünze acht Tonnen und stellte damit sowohl eine ausgesprochen sichere Geldanlage als auch gleichzeitig, sorgfältig vor den Türeingang der Hütte gerollt, ein wirksames Verhütungsmittel dar. Ob der Besitzer auf die Frage „Können Sie wechseln?“ beim Zigarettenkauf von einer Lawine verschüttet wurde, ist nicht überliefert. Das heutige Zahlungsmittel in Palau, der US-Dollar, wird überall akzeptiert, passt in jede Tasche, und ist, so erfährt man aus gut unterrichteten Fälscherkreisen, erheblich leichter herzustellen als die Steinmünzen.

Augustin Krämer, so lernen wir im Museum, war ein deutscher Marinearzt, Anthropologe und Ethnologe. Als Schiffsarzt gelangte er Ende des 19. Jahrhunderts in die Südsee. Nach Untersuchungen auf Hawaii, Samoa und den Marschallinseln führten ihn seine Forschungen 1908 schließlich nach Palau, wo er als Vorfahr des modernen Bloggers fünf Bände mit allen wissenswerten Details über Flora und Fauna, Geschichte, Kultur und Sprache Mikronesiens füllte, während seine Frau Elisabeth mit Aquarellfarben hübsche Illustrationen fertigte. Das Werk besitzt kulturgeschichtlich sicherlich einen höheren Wert als mein Geschreibe. Allerdings hatte Augustin dazu auch mehr als zwei Jahre Zeit, und nicht nur zwei Wochen wie ich. Heute leiht mein Vorfahr im Geiste dem örtlichen Restaurant „Krämer’s“ seinen Namen. Dies liegt zu Fuß nur fünf Minuten von der Tauchbasis entfernt am Yachthafen, und wird von René, einem deutschen Auswanderer geführt. Neben einer köstlichen und kreativen Küche bietet es seinen Gästen einen lebendigen Treffpunkt für einen Tratsch, ein Feierabendbier und alle möglichen anderen Gelegenheiten.

Die Stadt Koror putzt sich für die bevorstehenden Feiertage heraus. Das ist zugegebenermaßen nicht besonders leicht, wenn man den Charme einer amerikanischen Kleinstadt hat, die mit asiatischen Schriftzügen gepimpt wurde, und von deren Fassaden durch das feucht-heiße Klima und ständige Niederschläge die Farbe blättert, während Moos und Flechten und Ranken aller Art versuchen, in einer letzten Schlacht gegen die Zivilisation die Inseln zurück zu gewinnen, während das Wellblech auf dem Dach den Kampf gegen den Rost aufgibt. In dieser Umgebung wirkt ein „Merry Christmas“ doch recht befremdlich. Alles in allem erscheint die Inselwelt in ihrer tropischen Üppigkeit auf Google Earth doch deutlich pittoresker als im Schwesterprogramm Street view.
Da es jetzt nur noch wenig vom Himmel tropft, lassen wir die Stadt hinter uns. Mit dem Mietwagen begeben wir uns auf eine Landpartie, um die örtlichen Sehenswürdigkeiten abzufahren. Nach kaum fünfzehn Minuten Fahrzeit hört die Straße plötzlich auf. Was bei uns Schlaglöcher sind, ist hier fünfzig Meter lang, sechs Meter breit und zwanzig Meter tief: ein Erdrutsch boykottiert die von der Volksrepublik China gesponserten straßenbaulichen Bemühungen, während kleine gelbe Schilder „Umleitung“ verkünden. Dort, wo kein Stück Hang den Asphalt mit sich in die Tiefe gerissen hat, ist der Straßenbelag so glatt wie ein Bergsee, und rechts und links gesäumt von Hibiskus und allerlei Pflanzen, die bei uns in Töpfen auf der Fensterbank wachsen. Wir lernen, wie Ingwer aussieht, wenn man die knorrigen Wurzeln nicht zu Würzzwecken im Kühlschrank aufbewahrt, sondern dem Austreiben freien Lauf lässt. Würde man der üppigen Vegetation, die nur wenige Meter neben der Straße beginnt, gleiches zugestehen, hätte der Dschungel sich in weniger als fünf Jahren die Straße komplett zurückerobert.

Dem Dschungel abgetrutzt wurde zuletzt ein gutes Stück Land mitten im Nirgendwo, malerisch gelegen auf einem Hügel im Zentrum der Hauptinsel. Hier entstand – unterstützt aus Mitteln der Europäischen Union – ein Prunkbau, der „Capitol“ genannt wird, und mit dem großen amerikanischen Bruder immerhin den Kuppelbau gemein hat. Als wir zu diesem Zentrum der Macht der Südseerepublik gelangen, ist Feiertag, und daher kein Mensch da. Noch nicht mal ein Pförtner. So lustwandeln wir über das Außengelände, und nehmen staunend zur Kenntnis, dass sowohl Präsident als auch Vizepräsident ihre Büros schön ebenerdig und direkt links und rechts am Haupteingang haben. Da ist man feierabends einfach schneller durch die Tür. Damit das Epizentrum Palauischer Politik für jeden Betrachter unmittelbar ersichtlich ist, befinden sich direkt unter den Fenstern der Büros kleine Messingschilder, die verkünden, wer hinter diesen residiert. Auch unerfahrene Attentäter und Amokläufer finden sich so direkt zurecht, ohne erst lange nach dem Weg fragen zu müssen. Zum Glück ist im Capitol ja sowieso nicht so viel los. Und sollte tatsächlich ein Attentäter das Staatsoberhaupt meucheln wollen, befindet sich zum Glück ja weiterhin amerikanische Präsenz auf der Insel. Die US-Botschaft befindet sich nur wenige Kilometer entfernt. Sie ist selbstverständlich nicht so lari-fari naiv, unbedarft und schutzlos, sondern, ganz wie es sich gehört, von einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun mit automatischen Selbstschussanlagen umgeben. Hier verbieten aussagekräftige Schilder das Fotografieren, und wir müssen annehmen, bei Zuwiderhandlung nicht mit Blumenketten begrüßt zu werden.

Jede anständige Südseeinsel hat ihre Steinköpfe, man muss nur lange genug danach suchen. In unserem Fall befindet sich die größte Ansammlung ganz im Norden der Hauptinsel. Malerisch verteilt zwischen einer verschwenderischen Zahl mannshoher Monolithen, deren Bedeutung und Funktion unklar ist, wird in Bezug auf die Stein gewordenen Fratzen eine Sache schnell klar: Hier müssen fremde Mächte im Spiel gewesen sein! Und da Amazon um 160 vor Christus noch nicht nach Mikronesien lieferten, haben vermutlich Außerirdische die Steingesichter dort abgesetzt. Der Ranger, welcher den mutmaßlichen Weltraumschrott bewacht, erzählt uns, dass seine Vorfahren magische Kräfte besaßen, die heutzutage entweder in Vergessenheit geraten oder als gut gehütete Geheimnisse nur den Stammesältesten bekannt sind. Beispielsweise war es ihnen möglich, innerhalb von Sekunden von Koror zur 40 km südwestlich liegenden Insel Peleliu zu reisen, eine Fähigkeit, die wir uns wenig später gerne abschauen würden, als wir uns durch das Dickicht einen ausgetretenen Lehmpfad herunter arbeiten, der vom Regen völlig aufgeweicht zu einem malerisch gelegenen Wasserfall führt. Genau so abenteuerlich, aber weniger sportlich, wäre er durch eine Schienenbahn erreichbar, die allerdings nicht TÜV-geprüft ist. Außerdem steht zumindest für die abwärtsgerichtete Teilstrecke eine Seilbahn zur Verfügung, mit der man der Dschungeldusche an einem Geschirr hängend entgegen sausen kann. Nach einer kurzen Abwägung stelle ich fest, dass ich zwar nicht sehr sportlich bin. Aber im direkten Vergleich sportlicher als mutig. Wir marschieren. Und ohne die eineinhalb Stunden Fußmarsch runter und wieder rauf wäre dieses atemberaubend schöne, glitzernde und tosende Spektakel tief im Urwald vermutlich einfach nur ein Wasserfall. Der Ausflug erfüllt auf jeden Fall den Zweck, uns für unseren letzten Abend eine negative Kalorienbilanz zu verschaffen.

© 2012 Vera Wittenberg

Wattenscheid West…

… ist ’n Dreck dagegen. Wir befinden uns im Südwesten der Inselrepublik Palau, in einem Teil des Riffwalls, der ‚German Channel‘ genannt wird. Nachdem Deutschland Palau 1899 von den Spaniern gekauft hatte, genügten die 15 Jahre Kolonialherrschaft über ‚Deutsch-Neuguinea‘, um ein Loch in den Riffwall zu sprengen. Irgendwie war es so unpraktisch, mit dem Boot direkt zu den Rock Islands zu fahren, wenn da so ein Riff im Weg ist. Also haben unsere Vorfahren ganze Arbeit geleistet, um dem Abbau von Phosphat von der Oberfläche der Inseln zu erleichtern. Bei dem begehrten Rohstoff handelt es sich im Übrigen um nichts geringeres als Fledermaus-Scheiße. Um also aus Scheiße gute Butter zu machen, reicht eine mittelgroße Portion Sprengstoff, und *PAFF!* läuft die Sache.

Das Loch im Riffsaum führt nun gezeitenabhängig zu einer Einwärtsströmung von planktonreichem Wasser. Ihm folgen die Großfische. Nachdem die Japaner Deutschland den Krieg erklärte und Deutsch-Neuguinea kurzerhand übernahm, richteten Putzerfische in der frisch geschlagenen Bresche ihre ganz speziellen Wellness-Center ein, so dass heute regelmäßig Haie und Mantas hier vorbei schauen, um es sich mal so richtig gut gehen zu lassen. Und obwohl bei Opel der Manta längst nicht mehr gebaut wird, finden hier regelmäßige Manta-Treffen statt. Was mich als Dortmunderin doch glatt zu einem „Boah ey!“ verleitet.

15 000 km entfernt von zuhause – so viele Mantas, und weit und breit kein einziger Fuchsschwanz! Für Micha und mich ist es die erste Begegnung mit diesen majestätischen Rochen. Minutenlang drehen sie zum Zweck der Fellpflege ihre eleganten Kreise direkt über unseren Köpfen, und legen für Fotografen gerne noch einmal eine Extrarunde hin. Dabei schweben sie so, als hätte jeder von ihnen ständig seinen eigenen fliegenden Teppich dabei. Da ich dies mittlerweile vom Rückflug aus poste und in Seoul auch endlich über eine vernünftige Internet-Verbindung verfüge, kann ich jetzt auch mal ein Foto hochladen 😉 Ein Bisschen Angeben muss ja schließlich sein.

Um mal was negatives zu schreiben – das Internet auf Palau ist eine Katastrophe. Daran ändert sich auch nichts, als wir beim Feierabendbier Mariana kennenlernen. Sie ist die Chairperson von PNCC, dem Palau National Communication Corporation. Sie besucht gerade ihre Schwester Lydia, die in der Tauchbasis arbeitet. Erklärtes Ziel der PNCC ist es, schnelles Internet für jeden Palauaner verfügbar zu machen. Solange das noch nicht so gut funktioniert, kaut Mariana genau wie die meisten anderen Insulaner Betelnüsse, was ihre Zähne recht deutlich verraten. Das Kauen von Betelnüssen hilft gegen Müdigkeit und Konzentrationsschwäche, wäre also perfekt für die Morgenvisite, wenn nicht außerdem Übelkeit und Durchfall auftreten könnten. Außerdem kommt es zu vermehrtem Speichelfluss, welcher sich außerdem noch rot färbt, und das Zahnfleisch wird angegriffen – also doch weiterhin Kaffee?!? In der Tiermedizin hilft der Wirkstoff der Betelnuss übrigens gegen Wurmbefall. Wie das Plakat verkündet, dass den aktuellen „love your pet“-Monat proklamiert, gibt es beim Tierarzt gerade zur Tollwutimpfung die Wurmkur gratis, so dass wir auch im Gedenken an unseren Zahnarzt zurückhaltend im Hinblick auf einen Selbstversuch sind.

Regelmäßiger Konsum der kleinen roten Energiebomben mag dazu führen, zu glauben, das Internet wäre tatsächlich höllisch schnell, so dass für die meisten Palauaner die Inselwelt völlig in Ordnung ist. Für uns übrigens auch, denn abgesehen mal vom regelmäßigen Bloggen gibt es nichts, was mir im Urlaub das Internet unentbehrlich machen würde, wie ich begeistert feststelle.

© 2012 Vera Wittenberg

Inselschönheiten

Als ‚Rock Islands‘ wird ein Gewirr aus Inseln und Inselchen bezeichnet, die im Wesentlichen unbewohnt sind und doch einen Großteil der Landfläche von Palau ausmacht. Aus der Luft sehen sie aus wie ein grüner Rohrschach-Test auf türkisblauem Grund. Fährt man in wahnwitziger Geschwindigkeit zwischen ihnen hindurch, erscheinen sie wie ein zur Hälfte versunkenes Gebirge, auf dessen Oberfläche Blumen Risse gerade versucht, eine tropische Filiale zu eröffnen. Jeder waagerechte Quadratzentimeter und auch ein guter Teil der senkrechten Flächen bietet Untergrund genug um Gummibäumen, Kokos- und Yuccapalmen, Mangroven und zahllosen anderen tropischen Pflanzen mit und ohne Namen Heimat zu geben.
Das Dickicht ist so dicht, dass es den Namen wirklich verdient. Ob es auf den meisten Inseln irgendetwas gibt, für das es sich lohnt, einen Weg hindurch zu finden, kann ich nicht sagen. Auf mindestens einer gibt es allerdings eine Attraktion zu bestaunen.

Ein Dschungelpfad schlängelt sich mitten durch die grüne Hölle, dabei ist nicht die Vegetation an sich so höllisch, sondern viel mehr die Steigung, die man zuerst steil bergauf klettert, um sich anschließend wieder herunter zu quälen. Uns entgegen kommt eine Gruppe erschöpfter Japaner oder Taiwanesen. Zwanzig weitere befinden sich immer noch am See, als wir auf dem Steg ankommen. Eine jüngere Dame hilft einer deutlich älteren Frau, Flossen anzuziehen. Die Ältere ist sicherlich Mitte siebzig, und macht den Eindruck, als wäre sie noch nie in ihrem Leben schwimmen gewesen. Sie tägt ein Badekostüm mit einem ausgestellten Rock mit passender Badekappe, über dem Kostüm eine Schwimmweste, die fast größer ist als sie selbst. Nachdem sie eine Tauchermaske aufgesetzt hat, springt sie ohne mit der Wimper zu zucken ins Wasser. Ein Guide ist ihr dabei behilflich, sich sofort an ein rettendes Schwimmbrett zu klammern. Mit unsicheren Schwimmstößen setzt sich die Gruppe in Bewegung, und wir folgen. Nach etwa zwei Minuten begegnen wir der ersten Qualle. Dann sehen wir drei, dann sieben, dann achtzig. Wenige Augenblicke später schwimmen wir in einem Meer von Quallen in allen Größen. Der erste Impuls ist, sie wegzuschubsen. Aber erstens sind es zu viele, und zweitens tun die nichts. Spielen wollen die aber auch nicht, sie schwimmen einfach um uns herum und sehen dabei toll aus. Da sie keine natürlichen Feinde haben, gibt es in diesem salzigen Binnensee zwischen fünf und zwanzig Millionen von ihnen. Und wir sind mittendrin – eine Erfahrung wie aus einer anderen Welt.

Mittags wird ein Sandstrand auf einer der Inseln angefahren. Viele stehen unter Naturschutz, weil an ihren Stränden Schildkröten ihre Eier ablegen oder die seltenen Dugongs leben. Auf anderen haben vorausschauende Insulaner Picknickbereiche angelegt. Weil die Zeit nicht reicht, um wilde Hühner zu jagen und eine Quelle zu zu suchen, bringen wir unseren Lunch jedesmal mit.
Spontan schlage ich Micha vor, ihn von jetzt an ‚Dienstag‘ zu nennen, wenn er sich einen Knochen durch die Nase steckt, aber er lehnt ab. In unserer Lunchbox hätten sowieso nur die Essstäbchen für diesen Zweck zur Verfügung gestanden. Der zweite Tauchgang des Tages steht uns noch bevor, und wir versuchen bis dahin, bei Kräften zu bleiben.

© 2012 Vera Wittenberg

Kleine Haie

Vor das Tauchen haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Nach der üblichen Morgentranspiration – früh morgens ist die Luftfeuchtigkeit am höchsten, schließlich befinden wir uns nur eine Handbreit über dem Äquator – kommt noch eine Portion Angstschweiß dazu, als direkt neben dem Kaffee-Ausschank eine Dame mit einem spitzen Gegenstand meine Fingerkuppe penetriert. Blut quillt hervor. Welches, so werden wir aufgeklärt, nicht dem Anlocken von Haien dient. Immerhin war Palau die erste Nation, die eine Hai-Schutzzone in ihren Gewässern eingerichtet hat. Der Blutstropfen wird, genau wie überall sonst auf der Welt auch, zur Bestimmung des Blutzuckers benötigt, denn heute ist Diabetes-awareness-Tag. Meiner liegt bei 104, und ich darf tauchen. Mein Liebster hat Angst vor Nadeln (oder vor Haien?) und drückt sich. Er wird trotzdem aufs Boot gelassen.

Tauchen geht hier grundsätzlich als Tagestour. Die acht Boote von Sam’s Tours tragen alle die Namen von Haien, ein ‚Flipper‘ ist nicht dabei. Also gehen wir mit unserer Tauchkiste auf der ‚Whaleshark‘ an Bord, weil das der harmloseste Vertreter ist. Dort warten schon jeweils zwei Tauchflaschen für die geplanten Tauchgänge auf uns.

Die Bootsfahrten zu den Tauchplätzen der südlichen Inselregion, zu der Koror und Molokal, wo wir wohnen, gehört, sind doch relativ lang, so dass man morgens erst einmal eine Stunde durchgeschaukelt wird, bevor man abtauchen kann. Auf der Fahrt ist die schwüle Morgenhitze schnell vergessen. durch den Fahrtwind und die übliche leichte Bewölkung sind die Temperaturen durchaus angenehm. Wenn sich das Boot in die Kurve legt, gibt es gratis noch einen Schluck Salzwasser ins Gesicht, zur Abkühlung.
Empfindlichere Kreaturen und solche, die nicht wie wir mit allen Wassern der sieben Weltmeere gewaschen sind, tragen Fleece-Pullover und GoreTex-Jacken, während wir durch das bizarre Labyrinth der ‚Rock Islands‘ brettern. Auf der Fahrt erklärt uns Daniel, der philippinische Guide, den Umgang mit den Riffhaken.

Der Sinn dieser Dinger ist, um es kurz zu machen, einfach. Haie lieben Strömung. Taucher nicht. Je mehr Strömung, desto mehr Haie. Will man jetzt nicht wie ein Irrer gegen den Strom schwimmen, was man ja Zuhause schon dauernd tut, dann sucht man sich mitten im dichtesten Haigewimmel eine tote Koralle oder einen Stein, und hakt sich dort fest. So dass man die Haie ganz gemütlich betrachten kann. Und die Haie die Taucher der Reihe nach begutachten können, wie die Auslage in einem Süßigkeitenladen. Am Blue Corner, einem der bekanntesten Tauchplätze der Inselregion, umkreisen uns bestimmt zwanzig dieser eindrucksvollen Fische. Durch die unter Wasser verzerrte Optik sehen sie größer aus und erscheinen uns näher, so dass wir den Eindruck von mannsgroßen Tieren haben, die bis auf Armeslänge an uns heran kommen. Tatsächlich handelt es sich ausnahmslos um kleine Riffhaie, auf die dann tatsächlich zutrifft: der tut nichts, der will nur spielen! Mit Zoom werden die Fotos trotzdem eindrucksvoll genug, um später zuhause die Nachbarn zu erschrecken.

Als wir unsere Riffkaken lösen, treibt die Strömung uns wie eine Achterbahn durch ein Wunderland aus Stein- und Weichkorallen, vorbei an Schwärmen bunter Fische, Schildkröten und allerhand anderem Getier, das wir in den nächsten Tagen in ruhigeren Gewässern noch genauer unter die Lupe nehmen werden. Nach einer Stunde sind wir wieder an der Oberfläche – und sind tief beeindruckt. Der Kapitän hat unsere Boye erblickt und steuert das Boot zu uns. Bis zum Nachmittagstauchgang weicht das Grinsen nicht mehr von unseren Gesichtern.

© 2012 Vera Wittenberg

Rainbow’s End…

… nennen die Palauer (Palauaner? Palaunesen?) ihre Inseln. Dem kann voll und ganz zugestimmt werden, wenn man dabei berücksichtigt, dass zu einem anständigen Regenbogen immer auch ein guter Schluck Regen gehört. „Seit wir hier sind“, sagt Rick, „gab es keinen Tag, an dem es nicht geregnet hat.“ Das lässt doch hoffen für unseren knapp zweiwöchentlichen Aufenthalt im Paradies. Rick ist Tauchlehrer und lebt mit seiner Frau Lea seit einem halben Jahr am Ende des Regenbogens. Eineinhalb „muss“ er noch. Seinen Lieblingsschüler hat er, nebst Begleitung, eingeladen ihn hier zu besuchen.

Wie zum Beweis geht schon während unserer Landung auf dem Flughafen in Koror, der Hauptstadt von Palau, ein Guss runter, der sich gewaschen hat. Es wird nicht der letzte sein. Wir landen um 3:30, und ich beschließe, da wir beide leicht lädiert sind, den ersten Tag locker anzugehen und nicht sofort zu tauchen. Auch mein Liebster findet die Idee gut, und ich frage mich, ob das erste Alterungserscheinungen sind. Vor einem halben Jahr hätte er doch keinen Tag ausgesetzt?!?

Nach einem ausgiebigen Jet-lag-Mittagsschlaf machen wir uns gegen halb eins auf in Richtung Tauchbasis, welche nur einen kurzen vier-Minuten-Spaziergang von unserer Unterkunft entfernt liegt. Sobald wir den Schutz der Klimaanlage hinter uns lassen und aus dem Haus treten, fühlen wir uns wie frisch geduscht – nur nicht so frisch. Die Luft ist feucht, körperwarm und duftet nach etwas, das ein Werbetexter gut für einen neuen Weichspüler verwenden könnte. Die Tauchbasis liegt malerisch eingebettet in ein Industriegebiet, die Straßen werden allerdings gesäumt von Mango-, Papaya- und Sternfrucht-Bäumen, von Bananen-und Kokospalmen mal ganz zu schweigen. Schon nach zwanzig Metern hält neben uns ein Kleinbus. „Hey, wollt ihr zu Sam’s Tours? Ich kann euch mitnehmen!“ Weil wir so neugierig auf eigene erste Eindrücke sind, lehnen wir ab. Es bleibt allerdings so freundlich. Wie Rick uns später erklären wird, kommen wir zur Zeit in den Genuss des Palau-weiten ‚tourism-awareness-month‘. Und von freundlichen, hilfsbereiten Südsee-Insulanern. Das mit den Blumenketten haben sie mittlerweile drangegeben.

Die Basis selbst ist riesig, aber unglaublich gut organisiert. An dem eigenen Bootsanleger liegen acht Tauchboote vor Anker. Wir bekommen je eine Box mit unserem Namen um unsere Sachen zu verstauen und eine Trinkflasche. Wasser und Kaffee gibt es ständig für lau. Auch kann man sich jederzeit eine Flasche nehmen, um direkt in der Bucht abzutauchen. „Heute empfehle ich euch das aber nicht“, sagt Rick. „Am Montag wird die Basis geschrubbt. Da ist das Wasser in der Bucht ganz aufgewirbelt.“ Nicht nur geschrubbt wird ständig irgendetwas. Irgendwo hat bestimmt auch gerade jemand einen Pinsel in der Hand oder schraubt irgendwo dran herum. Das ist erstens notwend

ig, weil bei dieser Großwetterlage alles extrem schnell verrostet. Und zweitens großartig, denn die Anlage ist tip-top in Schuss!

Unsere Namen werden auf einer großen Tafel in die Spalte eines Bootes eingetragen, und wir dürfen uns aus einer Karte unseren Lunch aussuchen. Den ersten Tag beschließen wir mit einer großen Portion Vorfreude direkt nach dem Abendessen um viertel nach acht. Zeitverschiebung ist ein Ar€&#loch!

© 2012 Vera Wittenberg

Aus dem Transitbereich

Heute Abend, Ortszeit 22:50, geht es dann weiter ins Paradies. Wir nutzen die Gelegenheit und die Transit-Lounge, um mal die Beine auszustrecken, was bei dem Bazillenmutterschiff zu meiner Rechten unmittelbar zu gleichmäßigen kehligen Atemgeräuschen führt.

Der Plan war ja, die zwölf Stunden Transit zu einer Tour de Seoul zu nutzen („I’m a Seoul man!“), aus dem Wortspiel wird nun aber leider nichts. Stattdessen ist extreme Chillen angesagt. Micha hat so viele Wick dayMeds eingeworfen, dass ich froh war, dass wir im Transitbereich nicht durch die Doping Kontrolle mussten. Und wahrscheinlich haben wir die komplette Flugzeugbesatzung mit einem gefährlichen Virus angesteckt, so dass sich nun von Korea aus die Menschheit selber vernichten wird… Sehe ich eigentlich zu viele Katastrophenfilme?

Da unser geschwächter Zustand einen Ausflug in die eineinhalb Bahn(!)stunden entfernte Metropole nicht zuließ, wäre noch eine geführte Tour in Frage gekommen. Wäre sie durchaus, wenn nicht alle sinnvollen Touren zwischen 7:00 und 10:30 morgens starten würden! Unsere Ankunft um 12:30Ortszeit gäbe uns nur noch Gelegenheit zur Besichtigung der Filmstudios – och, nö…

Alternativ werden Tagesausflüge in die örtliche Uniklinik angeboten. Auf dem Programm stehen verschiedene Untersuchungspakete, die ich hier mit Freuden poste:

Der kleine Checkup    für $ 200

Der große Checkup    für $ 315

Organbezogene Checkups

Verdauungstrakt  für $ 500

Gehirn      für $1000

„Female/Male“    für $ 650/$ 850

Diabetes/Stoffwechsel für $ 650

Und das „große Gesundheitsprogramm“, bestehend aus Checkup 1 und Chechup 2, Kernspin vom Gehirn, Thorax-CT für nur $ 1800.

Bitte planen Sie für das große Gesundheitsprogramm vier Stunden ein. Im Preis inbegriffen ist ein Follow up nach 7 Tagen, bei dem der Doktor die Befunde erklärt und Empfehlungen ausspricht. Sollte man durch einen ungünstig gewählten Rückflug nicht in der Lage sein, das Gutachten persönlich in Empfang zu nehmen, tut’s der Doktor auch per Mail, Fax oder mit der Schneckenpost.

Was für eine großartige Geschäftsidee.
Junge, bildhübsche Anästhesistin sucht auf diesem Weg Kollegen, gerne mit angeschlossener Uniklinik, zum Ausnehmen von Geschäftsreisenden. Zuschriften bitte als Kommentar.

© 2012 Vera Wittenberg

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