Pippi in Takatukaland

Seit Tagen schifft es. Uns treffen die Ausläufer des Zyklons Pam, der gerade 7000 km von hier Vanuatu verwüstet hat. Zum Glück ist der Pazifik ja groß, so dass wir hier nur etwas Wetter zu spüren kriegen. „Fast wie am Sorpesee“, sagt Andreas. Der Dachdecker und seine Frau Conny kommen aus Balve im Sauerland und haben 40 Stunden Anreise auf sich genommen, um nun seit 72 Stunden den Dauerregen im Paradies zu genießen. Der ist aber erstens deutlich wärmer als Zuhause. Und zweitens hat er erst angefangen, als diese Sauerländer hier aufgekreuzt sind, so dass die Schuldfrage schnell geklärt ist. „In der Sorpe gibt es aber weniger Haie“, gibt Micha zu bedenken. „Weiß man nicht“, kommt prompt die Antwort zurück. „Die Sicht ist da so Scheiße, da kann ja alles Mögliche drin sein!“. Na, so gesehen…

Fest steht – bei dem Sauwetter wagt sich kein Einsiedlerkrebs vor die Tür seines Schneckenhauses. Und auch uns fällt es schwer, die Motivation aufzubringen, die zwanzig Meter durch den Palmenhain zum Haupthaus zu laufen. Trotz Regenponchos von der Rezeption und unserer süßen Kellnerin Melody, die heute zu dem üblichen Lächeln einen Blumenkranz im Haar trägt. Als ich ihr erzähle, wie hübsch ich das finde, winkt sie mich heran, und wir gehen zusammen zum Kühlschrank. Hier, zwischen Butterpäckchen und Orangensaft, liegt ein weiterer Blumenkranz aus weißen Bougainvillen und würzig riechenden Blättern. Den setzt sie mir auf, damit ich von uns beiden ein Selfie machen kann. Anschließend besteht sie darauf, dass ich ihn behalte. Ich bin Südseeprinzessin für einen Tag!

Und wieder fällt es uns so schwer, abzureisen. Neben unseren Tauchsachen packen wir viele schöne Erinnerungen ein, und machen uns per Flieger auf den Weg zu dem nur zwanzig Kilometer entfernten Atoll Tikehau, hoffentlich besserem Wetter und weiteren Abenteuern. Melody und ihre Kollegin drücken uns zum Abschied Küsschen auf die Wangen, was sie ‚Nana‘ nennen. Und Alexy legt uns unsere Muschelkette um den Hals, und wünscht uns weiterhin einen tollen Urlaub und viele aufregende Tauchgänge. „Vielleicht“, so sage ich, „sehen wir uns ja mal wieder. Über oder unter Wasser.“ Und wir versprechen, nachbihm Ausschau zu halten, denn wie wir wissen, ist die Taucherwelt zwar rund und die Ozeane bergen ja wie der Weltraum unendliche Weiten, aber irgendwie kennt dann ja doch wieder jeder jeden, und es wäre nicht der erste, den wir plötzlich zufällig irgendwo treffen.

© 2013 Vera Wittenberg

Eine Reise in den Süden

„Hey Scoobidoo und Michael Jackson! Ihr wolltet doch mal die Südpassage tauchen – ich habe da eine Idee!“, begrüßt uns Irène aufgeregt. Morgen ist bereits unser letzter Tauchtag auf Fakarava, und eine Tour in den Süden dauert mit dem Speedboat fast zwei Stunden. Daher wird sie nur für Gruppen ab fünf Leuten angeboten, sonst rechnet sich die Tour für die Basis nicht. Wir hatten deshalb die Hoffnung, die Passage von Tetamanu mit eigenen Augen zu bestaunen, schon fast aufgegeben. „Morgen müssen wir ein Boot in den Süden überführen und jemanden abholen. Da könnt ihr doch mitfahren!“ Einziger Wehrmutstropfen: „Achtet auf Sonnenschutz! Das Boot mit dem ihr unterwegs seid, hat kein Dach!“ Am nächsten Morgen werden wir um viertel vor sieben von unserer ehemaligen Perlenfarm abgeholt. Ausgestattet mit Basecaps und Tüchern gegen die Sonne sehen wir eher aus wie etwas zu bunt geratene Beduinen. Maud, unsere Tauchführerin vom Vortag, steckt uns noch einen Sunblocker zu, um unsere europäischen Bleichgesichter-Nasen zu schützen. Aber Irène lässt uns noch nicht ziehen: „Sicher habt ihr noch nichts gegessen, weil es noch so früh ist. Setzt euch!“ Widerstand ist zwecklos. Auch die Beteuerung, dass die Havaiki Lodge gar kein Problem damit hatte, uns eine halbe Stunde vor der Zeit zum Frühstücksbuffet zu lassen, rettet uns nicht vor Irènes Mutterinstinkt. Auf dem Tisch in der Tauchbasis stehen Thermoskannen mit Kaffee, Saft, Obst, Kekse und frische Croissants, ohne die sie uns nicht fahren lässt. Eine Viertelstunde später macht das Speedboat bei spiegelglattem Wasser seinem Namen alle Ehre und nimmt ordentlich Speed auf. Wir schaffen die Strecke zum südlichsten Punkt der Lagune in nicht mal eineinhalb Stunden und verblasen dabei locker achtzig Liter Sprit. Die Zeit vom Zwangsfrühstück holen wir locker wieder raus!

Der Süden des Atolls kommt uns vor wie das Ende der Welt. Neben einer Pension, malerisch gelegen auf einer Landzunge direkt am und im Wasser und einer Dependance unserer Tauchbasis in Form einer Baracke mit Kochnische gibt es allerdings sogar ein Dorf dort. Jedoch ist nichts auf dem Landweg erreichbar. Das kleine Dorf Tetamanu hat trotzdem eine echte Sehenswürdigkeit zu bieten. Nämlich eine winzige Kirche aus Korallengestein. Diese Kirche aus dem frühen 19. Jahrhundert ist das erste christliche Bauwerk in Französisch Polynesien. Im Süden Fakaravas landeten 1797 die ersten Missionare, und die Christianisierung der Inseln nahm hier ihren Anfang. Heute sind die Hälfte der Einwohner evangelisch, weitere dreißig Prozent katholisch. Aber erstens sind wir nicht zum Sightseeing hier. Uns interessieren ja eher die Sehenswürdigkeiten unter Wasser. Und zweitens bedeckt mein 5 mm Neoprenanzug zwar sittsam Knie und Schultern, trotzdem fühle ich mich darin für einen Kirchenbesuch nicht angemessen gekleidet.

Erwan, Bretone und damit legitimer Nachfahre von Asterix und Obelix, ist der Leiter der Tauchbasis. Seine Mitarbeiter haben den drahtigen Mann für fünf Tage ins Exil nach Tetamanu geschickt – sicherlich für den einen oder anderen Leser eine interessante Option, sich seinen Chef eine Weile vom Leib zu halten. In der Mittagspause erzählt er uns seine Geschichte. Nachdem er bereits viele Jahre in Französisch Polynesien gelebt hat, wagte er die Rückkehr. Wollte Frankreich und einem geordneten Leben noch einmal eine Chance geben. Er kaufte ein kleines Hotel in Nizza und führte es sieben Jahre lang – bevor er es vor lauter Sehnsucht nicht mehr aushielt und er zurück in die Südsee wollte. Er verkaufte das Hotel, verließ seine Freundin, und folgte dem Ruf. Und jeden Tag, wenn er seinen Kopf unter die Wasseroberfläche steckt, weiß er wieder, warum.

Die Südpassage von Fakarava ist eine der wenigen Passagen, die man sowohl bei einlaufendem als auch bei auslaufendem Wasser betauchen kann. „Die Stömung ist hier nicht ganz so stark, und sie drückt auch nicht nach unten“, erklärt uns Erwan. Wir haben Glück: da die Gezeiten wechseln, können wir den ersten Tauchgang bei auslaufender Strömung, den zweiten dann bei Einwärtsströmung machen. Das auslaufende Wasser reißt viele Schwebestoffe aus der Lagune mit, so dass die Sicht normalerweise schlechter ist. „Dafür haben wir dann mehr Haie!“, freut sich unser Guide. Und tatsächlich wimmelt das Wasser nur so vor dreieckigen Rückenflossen. Auch diesmal ist wieder ein kapitaler Zitronenhai zwischen der nicht enden wollenden Schar von Schwarzspitzen- und Grauhaien. Besonders beeindruckend: wenn sie plötzlich bei trübem Wasser aus dem Nichts vor dir erscheinen. Auch wenn wir bisher genug Erfahrung mit diesen Tieren haben um zu wissen, dass wir nicht auf ihrer Speisekarte stehen, erhöht der Dunstschleier im Wasser den Thrill-Faktor noch einmal ungemein.

Die Oberflächenpause verbringen wir in einer kleinen Bucht direkt am Anlegesteg des Dorfes Tetamanu, die Erwan seinen ‚Swimming Pool‘ nennt. Tiefe und Temperatur erinnert eher an ein Nichtschwimmerbecken, allerdings ist das Wasser deutlich klarer. Und so kann man gut erkennen, was sich neben uns sonst noch in der Bucht tummelt. Dabei könnte man den fast eineinhalb Meter großen Napoleon auf Kuschelkurs selbst im trübsten Tümpel nicht übersehen, denn er ragt gut zu einem Drittel aus dem Wasser. Seine Familienmitglieder sind alle etwas kleiner geraten, aber ebenfalls fast handzahm. Dazwischen tummeln sich neben Flöten- und anderen Rifffischen gut acht bis zehn kleine Schwarzspitzenriffhaie. Verrückt – hier sieht man bei der Oberflächenpause mehr Haie als anderswo während des Tauchgangs!

Der nächste Sprung ins Wasser soll unser letzter auf Fakarava sein. Hat irgendwer behauptet, die Strömung sei hier im Süden nicht so stark? Dafür peitscht sie uns aber recht ordentlich durch den Kanal. Und mit uns ist wieder eine unglaubliche Anzahl von Haien auf dem Weg ins Innere der Lagune. Was für ein unvergesslicher Anblick! Mit stahlenden Gesichtern klettern wir zurück ins Boot und treten den Rückweg an. Am  Kai erwarten uns Irène und Maud: „Wie war’s?!?“ Unsere Gesichter sprechen Bände! Und mit jeder Menge francophiler Wangenküsschen verabschieden wir uns von dieser liebenswerten Mannschaft unserer ersten ‚Tauchstation‘. Jeden einzelnen haben wir ins Herz geschlossen!

PS: Für unseren Tagesausflug hat uns Irène nicht einen Centime zusätzlich berechnet. „Wir mussten doch sowieso in den Süden fahren“, sagt sie. Und freut sich, dass wir so viel Spaß hatten. Wie man sieht, sind diese ganz besonderen Inseln vom Rest der Welt unglaublich weit entfernt.

© 2013 Vera Wittenberg

Fine des Claires

Auf Fakarava angekommen, erhalten wir bereits am Flughafen von fröhlichen jungen Menschen unsere obligatorischen Blumenketten. Trotz 40 Stunden Anreise fällt es schwer, sich bei strahlend blauem Himmel und dreißig Grad von der guten Laune nicht anstecken zu lassen. Unsere Koffer werden von den Regalen, die hier anstelle von Gepäckbändern eingesetzt werden, auf einen Pick up verladen, wir selbst nehmen in einem lustigen Gefährt aus Holz statt, mit dem man im Sauerland Vatertagsausflüge unternehmen würde. Bierfässer: Fehlanzeige. Stattdessen kommen mit uns zwei bereits vorgebräunte Schweizer an, ebenfalls mit Tauchgepäck, ein deutsches Paar mit Ossi-Akzent und eine siebenköpfige Polynesierfamilie.

Unsere Pension, das Havaiki Lodge, liegt mit dem Sambawagen zehn Minuten vom Flughafen entfernt und ist eine ehemalige Perlenfarm. Was der westlichen Welt der dot.com-Crash und die Bankenkrise, war in Französisch Polynesien der Verfall des Perlenpreises durch chinesische Billigproduktion, die dazu führte, dass nur noch die großen Perlenfarmen kostendeckend produzieren konnten. Durch Hinzufügen von sechs bis acht Beach Bungalows zur vorhandenen spärlichen Infrastruktur wurde aus der Anlage am Rand der „Hauptstadt“ Rotoava eine annehmbare Unterkunft mit einem kleinen, aber feinen Restaurant. In Empfang genommen werden wir von Claire, einer weißblonden, zierlichen Lichtgestalt, die über das Anwesen schwebt, ohne den Sand zu berühren. Sie sieht so aus, als habe sie vor der Übernahme der Lodge als Elbenprinzessin gearbeitet, auch wenn Micha meint, ‚Claire‘ klinge eher nach französischem Hardcore Porno. Ich kann mir hingegen nicht vorstellen, dass das Geschöpf, von uns Neuankömmlingen im weiteren nur ‚Arielle‘ genannt, jemals laute Geräusche von sich gegeben geschweige denn in besoffenem Kopf im Dunkeln gegen einen Mülleimer gelaufen ist. Unser Zimmer befindet sich kurz hinter dem Restaurant in einem Haus auf Stelzen, von dem aus man einen schönen Blick auf die Lagune hat und durch das ständig eine leichte Brise zieht. Peter und Beatrix, die Ossis, wohnen direkt nebenan. Sanny und Peter aus der Schweiz haben sich einen Beach Bungalow gegönnt. Die Polynesischen Großfamilie zieht direkt gegenüber von uns ein und spielt den Rest des Abends Ukulele, während wir Europäer unsere Kulturelle Überlegenheit dadurch dokumentieren, dass wir die Erzeugnisse der örtlichen Braukunst in Form von im Supermarkt erstandenen Dosenbier im Sonnenuntergang degustieren.

Das Hinano kommt in fröhlichen blauen Dosen mit einem in rot gekleideten Blumenmädchen daher und ist mild im Abgang, der Sonnenuntergang sieht aus wie auf einer Postkarte und taucht Himmel, Lagune und Strand in Pink- und Orangetöne. Lange genießen können wir ihn nicht, denn, wie man im Ruhrgebiet sagt: wir essen zeitig. Und wir erfahren, dass man aus Austern noch mehr machen kann als nur Perlen. Das marinierte Muskelfleisch der Perlenmuscheln heißt Kikiri, schmeckt wie Jacobsmuschel und ist, wen wundert es, eine örtliche Spezialität. Der Jetlag sorgt schließlich dafür, dass uns beim Essen noch vor dem Nachtisch der Kopf in die Butter fällt und um halb neun Ortszeit, das wäre zuhause um halb acht am folgenden Morgen, die Lichter aus sind.

© 2013 Vera Wittenberg

Haifischflossensuppe

Frühstück gibt es ab sieben, und wir haben Hunger. Die Zeitverschiebung hat uns voll in ihren Krallen, so dass wir um Mitternacht hellwach zu unserem Notfall- Snickers greifen mussten. Am Nachbartisch nehmen die Polynesier Platz. Auf ihrem Tisch stehen Schalen mit Mayonnaise, die sie zum frühmorgens selbst gefangenen rohen Fisch essen, der in der Küche eben schnell noch filetiert und gehäutet wird. Fröhlich winkend bieten sie uns von ihrem Fang an – allerdings ist für uns die Kombination mit Kaffee, Orangensaft und Frühstücksei doch noch etwas ungewohnt, so dass wir die Einladung ausschlagen müssen. Außerdem haben wir keine Zeit, denn wir sind ja nicht zum Spaß hier. Wir sind zum Tauchen verabredet.

„Ich bin Jessi“, begrüßt uns um halb acht unser Tauchguide, der uns an der Pension abholt. Wir schmeißen unser Tauchgerödel auf den Pick up und nehmen vorne im Wagen Platz. Jessi kommt aus Frankreich und lebt seit sieben Jahren seinen Südseetraum. Seit einem Jahr hat er dem etwas lebhafteren Rangiroa den Rücken gekehrt und lebt auf Fakarava. Wann er wieder nach Frankreich will, frage ich. „Jamais!“, sagt er und grinst. Fakarava ist eines der größten Atolle in Französisch Polynesien. Während die Gesellschaftsinseln mit der Hauptinsel Tahiti, der Nachbarinsel Mo’orea und Bora Bora, dem Luxus-Archipel für Honeymooner, vulkanischen Ursprungs sind und daher ein Festland mit Bergen, Wasserfällen und „richtiger“ Vegetation haben, welches von einem Saumriff umgeben ist, bestehen die Tuamotus im Nordosten der Society Islands nur aus Atollen. Ein Atoll ist im Grunde nichts anderes als ein Saumriff, dem in der Mitte die Insel fehlt. Die mehr oder weniger zusammenhängenden Landmassen bestehen aus den Spitzen des Korallenriffs, die in mehr oder weniger akurater Kreisform den zwischen ihnen liegenden Teil des Meeres, die Lagune, umschließen. Meer und Lagune sind durch flache Kanäle, aber auch durch die tieferen Passagen miteinander verbunden, durch die in Abhängigkeit von den Gezeiten das Wasser in die Lagune hinein und aus der Lagune hinaus strömt, so dass das Atoll in größere und kleinere Inseln bis hin zu den kleinsten Motus unterteilt wird. Natürlich läuft die Lagune bei Ebbe nicht leer, aber die Stömung reißt planktonreiches Wasser mit sich, und mit ihm bewegt sich jede Menge Getier durch die Passagen.

Genau zu so einer Passage steuert unser Captain, der Elvis heißt und bestimmt genau wie jeder andere Polynesier auch virtuos Ukulele spielen kann, unser Boot. Haie lieben die Strömung. Und wenn wir das bisher noch nicht gewusst haben, erfahren wir es in dem Moment, als wir uns rückwärts über die Bordwand ins Wasser fallen lassen und unseren Kopf unter die Wasseroberfläche stecken. Denn da erwartet uns die einzig legitime Haifischflossensuppe. So viele Haie, dass man kaum das Riff sehen kann! Es ist gigantisch. Am Drop off des Außenriffs beobachten wir die beeindruckende Patrouille, als sich zwischen den eleganten Schwarzspitzen- und grauen Riffhaien plötzlich ein riesiger Schatten nähert. Unser Guide macht erst eine drehende Bewegung mit beiden Händen, deutet dann auf das Gelb meines Neoprenanzugs: ein Zitronenhai. Das possierliche Tierchen hat bestimmt an die fünf Meter!

Da die Strömung einlaufend ist, bewegen wir uns nun in ihr am Riff entlang bis zur eigentlichen Passage. An der Anemone geht es scharf links ab – danach braucht man keine Wegbeschreibung mehr. Widerstand ist zwecklos, und manchmal hat es eben nichts mit Oportunismus zu tun, wenn man mit dem Strom schwimmt. Hier geht es um den reinen Selbsterhaltungstrieb, der uns dazu bringt, uns „einfach mal treiben zu lassen“. Mit einer irren Geschwindigkeit peitscht uns die Strömung durch den Passe de Garuae, kurz auch Nordpass genannt. Das hier ist Männertauchen, nichts für Nacktschnecken-Knipser! Allerdings kommt man vor lauter Großfisch auch nicht dazu, in Ritzen und Spalten nach kunterbunten Kriechtieren zu suchen. Die allgegenwärtigen kleinen, aber neugierigen Grauhaie wechseln sich ab mit Schwarzspitzenhaien und Weißspitzenriffhaien. Dann folgt plötzlich eine aufgeregte Geste unseres Guides: drei Mantas fliegen im Formationsflug an uns vorbei! Um die nächste Biegung herum erwartet uns schon die nächste Überraschung: ein Silberspitzenhai, ein sonst sehr scheues Tier, das normalerweise in tieferem Wasser zu Hause ist. Und wir sind hier mal gerade auf zwanzig Meter! Nach dieser atemberaubenden Achterbahnfahrt setzen wir im ruhigen und flacheren Wasser der Lagune unsere Boje und steigen auf.

An die Oberfläche zurück gekehrt sehen wir, dass sich das Wetter geändert hat. Wolken sind aufgezogen, und es hat angefangen zu regnen. Captain Elvis hat seinen Südwester angelegt und sieht aus, als wollte er mit uns um Kap Horn herum in See stechen. Dabei geht es nur auf die andere Seite des Atolls. Bis wir nach der halbstündigen Fahrt wieder zurück an der Tauchbasis sind, strahlt die Sonne mit unserem breiten Grinsen wieder um die Wette. Genau wie Irène, die gute Seele im Office der Tauchbasis. Sie freut sich, dass wir einen schönen Tauchgang hatten. „Habt ihr Mantas gesehen?“, fragt sie? Selber taucht sie zwar nicht, aber sie weiß ganz genau, was ihre Kunden sehen wollen. Und wie man sie bei Laune hält! Sie scherzt ununterbrochen, verteilt Kekse, und fordert immer wieder alle Taucher zum Trinken auf. Die nächste Druckkammer ist in Pape’ete, das sind mit dem Rettungshubschrauber bei guten Bedingungen eineinhalb Stunden – also besser vorbeugen! Nitrox und ausreichend Flüssigkeit sind da auf jeden Fall eine gute Idee. Für jeden von uns hat sie einen Spitznamen als Elelsbrücke parat. Micha ist Michael Jackson, ich die Vera aus Scoobidoo.

Nachmittags sitzen wir mit den Peters, Beatrix und Sanny beim Deko-Hinano am Strand und berichten von unseren Abenteuern. „Geiler Scheiß!“, meint Sanny. Die schweizer Krankenschwester ist mit ihrem Mann Peter ebenfalls auf Hochzeitsreise. Sie waren vor Fakarava bereits auf Rangiroa, welches bei uns als nächstes Etappenziel vorgesehen ist. „Habt ihr auch den Tigerhai gesehen?“ Sie waren in einer anderen Gruppe als wir, nur wenige hundert Meter hinter uns. Na, immerhin hatten wir einen Zitronenhai. Allerdings Klagen wir bei den großartigen Eindrücken des heutigen Tages wirklich auf hohem Niveau. Peter und Beatrix aus Röbel in MeckVopo haben sich die Reise zur Silberhochzeit geschenkt. Sie kennen Fische eher von der anderen Seite des Angelhakens. Zuhause haben sie einen Bootsanleger und wohnen direkt am See. Als Süßwassermatrosen haben sie etwas mehr Respekt vor Haien als wir. Als sie unsere Haifotos sehen, kommentieren sie diese daher mit den typischen Parolen: „Guck mal, was für kalte Augen der hat!“ Kein Wunder, es handelt sich ja auch um einen Fisch, und nicht um einen Pandabär. Fische sind von Natur aus Kaltblüter, was ihnen allerdings nicht automatisch eine kaltblütige Gesinnung verpasst. Dabei ist die Gefahr auch in diesen ‚Hai-verpesteten Gegenden‘ größer, sein Leben durch fallende Kokosnüsse zu verlieren als durch eine dieser blutrünstigen Bestien mit Killerinstinkt – und trotzdem läuft am Strand keiner mit einem Helm herum. Mehr Ärger als Kokosnüsse und Haie zusammen machen uns allerdings wesentlich kleinere Lebensformen. Merke: auch im Paradies gibt es fiese, kleine Mücken, die garantiert wie Hagen von Tronje jede ungeschützte Stelle deines Körpers finden werden und gnadenlos zustechen. Allerdings sieht man die weder auf Postkarten noch in idyllischen Reiseprospekten. Nach den ersten fiesen Stichen genießen wir den Rest des Abends in einer Wolke DEET-haltigen Mückensprays, und sehen in der sinkenden Sonne zu, wie die Rückenflossen der Schwarzspitzenriffhaie direkt am Strand feine Linien in das Wasser ziehen.

Und nach dem Sonnenuntergang stehen wir staunend unter einem riesengroßen Himmel voller Sterne, und freuen uns, nach langer Zeit endlich einmal wieder das Kreuz des Südens zu finden. Wir haben dich vermisst!

 © 2013 Vera Wittenberg

Südseetraum

Selbstverständlich sollte unsere Hochzeitsreise, so wie alle Hochzeitsreisen, etwas Besonderes sein. Und weil Reisen, insbesondere zu Tauchzwecken, zu unseren Lieblingsbeschäftigungen zählt, verbrachten wir schließlich weit mehr Zeit darauf, unsere Flitterwochen zu planen als auf die Vorbereitung der Hochzeit selbst. Natürlich gibt es unterschiedliche, höchst exklusive Ziele, zum Beispiel Tauchkreuzfahrten in Regionen, die jährlich nur von wenigen tausend Touristen aufgesucht werden. Meinem Liebsten schwebten daher Destinationen wie Galapagos, Cocos Island, Socorro oder Malpelo vor. Mein Veto: Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Tauchkreuzfahrten. Man kann Glück haben und Pech, und wir hatten beides schon. Alle genannten Ziele sind höchst reizvoll, isbesondere deshalb, weil es dort überall jede Menge Großfisch zu bestaunen gibt. Solche Tauchgebiete sind heutzutage leider nicht mehr häufig, und Großfisch hatten wir in den letzten Jahren  tatsächlich nicht so viel. Aber: wenn es um Flitterwochen geht, schaltet mein Hirn in den Romantik-Modus. Dann will ich mit einem Cocktail in der Hand und mit den Füßen im Sand stehen, und Hand in Hand unter Palmen den Sonnenuntergang anschauen. Und nicht mit einer Horde mehr oder weniger netter und mehr oder weniger fähiger Flossenidioten, die man sich nur zu einem winzigen Bruchteil (n = 1) selber ausgesucht hat, auf einem Schiff zusammengepfercht werden, ohne die Möglichkeit zu haben, einander aus dem Weg zu gehen oder einfach mal einen Abend ganz für sich zu haben.

„Hm“, sagte mein Liebster, „Botschaft angekommen. Das kann ich verstehen.“ Prima, ein Mann der mich versteht. Alles richtig gemacht. Dies allein stellte zwar nicht die Lösung dar, war zumindest aber eine vielversprechende Basis. Wer von uns letztlich die zündende Idee hatte, wird vermutlich immer ein ungelöstes Rätsel bleiben. Tatsache ist, dass verschiedene Chronisten ganz Unterschiedliches berichten. In meiner Erinnerung habe ich Micha den phantastischen Vorschlag gemacht, uns doch einmal bezüglich Reisen nach Tahiti zu informieren. Worauf er den Himmel pries, mit so einer klugen Frau gesegnet worden zu sein. Auch in der Retrospektive erscheint mir dieser Ablauf als der von allen Möglichkeiten wahrscheinlichste. Gehen wir also davon aus, dass es so – und genau so – gelaufen ist.

Nicht dass die anderen Exklusivreisen grundsätzlich günstiger gewesen wären. Trotzdem muss an dieser Stelle Erwähnung finden, dass es uns gelang, einen Hauptsponsor für unser Vorhaben zu gewinnen, so dass unser Anteil der Teaumreise finanzierbar wurde. Mit der irrsinnig langen Anreise und der absurden Zeitverschiebung klar zu kommen blieb allerdings an uns persönlich hängen. Und so begaben wir uns eine Woche nachdem wir aus ganzem Herzen JA zu einander gesagt haben, auf eine Reise um buchstäblich die halbe Welt.

Düsseldorf – Paris – Los Angeles – Pape’ete, von dort weiter auf die kleine Insel Fakarava, so sieht unser Reiseplan aus. „In die Richtung ist die Zeitverschiebung erträglich“, erklärt Micha. „Anders herum ist es viel anstrengender.“ Ich nicke, bezweifle aber insgeheim, dass die Flugrichtung bei einem Zeitunterschied von elf Stunden wirklich eine große Rolle spielt. Die Anreise verläuft planmäßig und ohne besondere Vorkommnisse. Insbesondere wird uns glaubhaft versichert, dass das Gepäck bis Pape’ete durchgecheckt wird, was schließlich auch funktioniert. Nach dem erneuten Start in Paris haben wir aus unserem Kabinenfenster einen kurzen Blick auf den in der Abenddämmerung bereits beleuchteten Eifelturm, so wie es sich für eine anständige Hochzeitsreise geziemt. In Los Angeles haben wir eineinhalb Stunden Aufenthalt, die aber durch Einscannen unserer Gesichter und Fingerabdrücke inklusive der Zusammenführung mit unseren NSA-gespeicherten Daten buchstäblich schneller als im Flug vergehen. Gerade ist noch Zeit, um uns am Gate von einem Typen namens Jesus einen Doughnut zu kaufen. Der Augenringe erster Teil.

Als wir auf Tahiti landen, tragen wir unsere Kleider bereits seit 32 Stunden. Es ist Ortszeit 6:20 Uhr morgens, was 17:20 am selben Tag in unserer Heimat entspricht. Beim Öffnen der Flugzeugtür passieren mehrere Dinge gleichzeitig: uns schlägt eine morgendliche Temperatur von 33 Grad mit einer Luftfeuchtigkeit ins Gesicht, die einem Dampfbad zur Ehre gereichen würde. Diese veranlasst unsere Schweißdrüsen in verschiedenen Körperregionen dazu, alles zu zeigen, was sie gelernt haben. Was das olfaktorische Gesamtergebnis insgesamt auf ein neues Level hebt. Glücklicherweise trägt die Morgenluft ein adäquates Gegengift mit sich. Denn wenn Panama laut Janosch von oben bis unten nach Bananen riecht (was wir hätten verifizieren können, wenn wir denn nach Malpelo gefahren wären), dann liegt in Tahiti ständig ein leichter Blütenduft in der Luft. Die Geste, Reisenden bei der Ankunft Blumenketten umzuhängen, macht plötzlich ungemein Sinn. Und so geschieht es uns auch, kaum dass wir die Ukulelenspieler und Südseetänzerinnen, die den Eingang des Flughafengebäudes bewachen, hinter uns gelassen haben. Vermutlich haben auch die Seefahrer wie Captain Cook nach Monaten auf dem Meer nicht bessere Gerüche verströmt als wir, so das hier dieser Brauch seinen Anfang nahm.

Blumenkränze zur Begrüßung, Muschelketten beim Abschied, so will es die Tradition. Die nicht mehr überall gepflegt wird. Genau so wenig wie die Sitte, durch die Seite der Blume im Haar seinen Familienstand auszudrücken. Also so wie die Schleife der Dirndlschürze beim Oktoberfest. Ich bin mir jetzt nicht sicher, wo die Schleife sein muss – aber Blume rechts hieß traditionell: ‚ich bin noch zu haben‘, Blume links: Sorry, Chico, zu spät. Ein weiterer Insider: das Winken mit der geschlossenen Hand, bei der Daumen und kleiner Finger abgespreizt sind. Das heißt nicht etwa wie man annehmen möchte „Ich ruf dich an“ oder „Wir telefonieren die Tage mal“, sondern ist einfach ein freundlicher Gruß, sondern in etwa „Hallo, wie geht’s?“ oder als Antwort „Super, alles klar“. So in etwa wie die ‚Pommesgabel‘ in Wacken also.
Aber ich schweife ab.

Wir waren am Flughafen, es war zwanzig nach sechs, schwül, feucht, roch komplex nach einer Mischung von Körperausdünstungen und Südseeblumen und wir waren müde. Trotz Blumenkette.
Die kleineren Inseln werden nur einmal täglich angeflogen, was in unserem Fall heißt: 12:20. Wenn man nun denkt, ach, in sechs Stunden schauen wir uns mal Pape’ete an, trinken nett ’nen Kaffee, Essen vielleicht noch ’ne Kleinigkeit – das muss leider ausfallen. Denn wir haben unsere drei Koffer mit Tauchklamotten, Tauchklamotten und etwas Kleidung, alle akurat auf 22,8 kg gepackt. Und das Einchecken ist nach Angaben der Südseeprinzessin am Schalter erst ab halb zehn möglich. Der internationale Flughafen Pape’ete spiegelt nun nicht unbedingt das wieder, was einem das Wort suggerieren möchte. Es handelt sich um einen eingeschössigen Bau mit altersschwachen Ventilatoren unter der Decke und dem Charme eines Achtzigerjahre-Bahnhofs einer mitteldeutschen Kleinstadt. Vor der Renovierung. Ohne die Shopping-Möglichkeiten. Aber trotzdem nicht vergessen: Smile, you are in Tahiti!
Kein Problem, denken wir. Schließlich kann man ein, zwei Stündchen auch ohne weiteres im Internet vertrödeln. Schließlich sind wir ja auf einem internationalen Flughafen. Und überall (außer in Deutschland) gibt es freies WLAN am Flughafen. Reisen bildet, und wir wissen jetzt: überall, außer in Deutschland und außer in Tahiti. Aber schließlich kann man auch mit der Suche nach Guthabenkarten für das kostenpflichtige Internet, Trinkwasser, was zu Essen und einem Geldautomaten ein paar Stunden verbringen, in denen aufgrund unserer Übermüdung sowieso nur noch eine stark verzerrte Wahrnehmung möglich ist. Auf der Suche nach Nahrung kommen wir am Schokoriegel-Regal des Souvenirshops vorbei. Ist es Zufall, dass es in einem Land mit so vielen Kokosnüssen zwar Snickers, Twix und Mars, aber kein BOUNTY gibt? Oder haben die Nachfahren von Fletcher Christian da ihre Finger im Spiel? Als wir letztlich dann doch unsere Koffer Einchecken und im Wartebereich an unserem Gate Platz nehmen sind die Blumenketten bereis verwelkt und zerdrückt. Und während von irgendwo Südseeklänge ertönen, beobachten wir staunend Mitreisende, die dazu Luftukulele spielen.

© 2013 Vera Wittenberg

Eine Seefahrt…

… die ist lustig. Auch. Und manchmal eher für Andere. Hier entscheidet wie so oft der Stantpumkt. Oder wie sagte noch ein alter Kumpel: „Irgendein Idiot ist ja immer dabei. Und wenn du nicht weißt, wer der Idiot ist, dann bist es vermutlich du selbst.“ Der Ausspruch bezog sich im Original nicht auf Schiffsreisen, er ist daher selbstverständlich auch auf andere Bereiche problemlos übertragbar. Im Fall unserer Bootstour fällt mir jedoch sofort jemand ein, der keine Ahnung hat, wer hier der Idiot ist. Und dieses Mitglied unserer kleinen Reisegesellschaft sitzt mir zufällig gegenüber, als Ogung, die indonesische Variante von Sascha Hehn, uns am zweiten Abend das Abendessen serviert.

Da wir in den ersten beiden Tagen viele Seemeilen hinter uns zu bringen haben, damit uns dann anschließend möglichst viel Zeit im Komodo-Nationalpark zur Verfügung steht, besteht das Rahmenprogramm an Tag 1 unserer Reise ausschließlich aus Schlafen und Essen, gefolgt von einem kleinen Nickerchen mit anschließender Nahrungsaufnahme. Nach einer kleinen Ruhepause wird uns ein Snack gereicht. Die anschließende Zeit steht zur Entspannung zur Verfügung, bevor uns schließlich das Abendessen serviert wird. Danach begeben wir uns zur Nachtruhe. An Tag 2 stehen an der Nordküste von Sumbawa drei Tauchgänge auf dem Programm – kein Nachttauchgang, denn zwischen uns und dem nordöstlichen Zipfel des Parks liegen immer noch ein paar Stunden und jede Menge Wasser. Die straffe Abfolge von Schlafen und Essen wird allerdings durch das Tauchen nur wenig beeinflusst.

Die Tauchgänge vor Sumbawa haben nicht wirklich viel zu bieten. Die riesigen Schwärme von Snappern, Füsilieren und Makrelen behindern im kristallklaren Wasser die Sicht auf einen Farbflash aus ungezählten Arten von Korallen und Schwämmen in einem gesunden, artenreichen und vollkommen intakten Riff. Keine Walhaie, Mantas, Mondfische oder andere Tauchboote weit und breit. Da muss man nicht meckern. Kann man aber. Schließlich war ja nichts los. Und während Doreen und Bill bereits zu Beginn unter Verweis auf ihr fortgeschrittenes Lebensalter die Ankündigung vorbrachten, nicht alle Tauchgänge mitmachen zu wollen, da ihnen mehr als zwei mal Abtauchen pro Tag nicht mehr so gut bekomme, klemmt sich Fraktion Kasachstan den dritten Tauchgang aus Desinteresse gleich ganz. Der zweite war ja schließlich auch nicht besser als der erste, und daher waren sie auch schon nach zwanzig Minuten fertig damit.

Nachdem wir uns glücklich schätzen durften, zur köstlichen Suppe einen mit kasachischem Akzent gewürzten Vortrag über die diversen Vorteile, vor allem jedoch über zahlreiche Nachteile diverser weltbekannter Top-Tauchspots kredenzt zu bekommen (Bonaire? Ganz nett, für Anfänger! Aber keine Haie, und überhaupt nichts spannendes! – Wakatobi? Eine Zeitverschwendung, da gibt es nichts zu sehen! – Palau? Viel zu viele andere Taucher, lohnt sich nicht!), werden wir unterhalten von der Anekdote, wie Armana sich in der vergangenen Nacht vor lauter Hunger auf die Suche nach Essbarem machen musste. Und. Nichts. Gefunden. Hat! Staunend und sprachlos vor so viel Not und Elend hören wir anderen mit vollen Mündern ergriffen zu. „Wahrscheinlich“, so Oleg, „wird diese Tauchkreuzfahrt die erste sein, auf der Essensmarken ausgegeben werden!“ Nach dem erfolglosen Beutezug Armanas machte sich ihr Mann also höchstselbst auf, den unhaltbaren Zustand des Hungerleidens zu beenden. Und kehrte mit einem erbeuteten Glas Nutella zurück in die heimische Kajüte. „Aber was glaubt ihr denn, wieviel Nutella man so ohne Brot essen kann?“, gibt seine Frau zu bedenken. Valéries Augen blitzen, als sie, mit gespielter Harmlosigkeit und zuckersüßem französischen Akzent sagt: „Och, wenn der Löffel groß genug ist…!“

Unsere Lektion in Fremdschämen ist für den heutigen Tag allerdings noch nicht beendet. Denn wie auf das Stichwort geht genau an dieser Stelle der Geschichte das Brot zur Neige. Da Oleg aus der strengen Hungersnot der vergangenen Nacht eine Lehre gezogen hat, fragt er Ogung, ob er bitte noch Brot haben könne. Dieser entschuldigt sich, zumal in wenigen Momenten der Hauptgang aufgetragen werden wird. Das Brot sei tiefgekühlt, und er habe gerade keines parat. Neues Brot würde jetzt etwas dauern. „So!“, entgegnet Oleg, und seine Stimme wird gefährlich ruhig. Vor lauter Anspannung schiebe ich mir ein Stück Brot in die Backen, man weiß ja auch nicht, wann es wieder welches gibt. „Und hier entscheidet also der Kellner, wie viel Brot ich essen darf! In Kasachstan würde dieser Mann morgen auf der Straße sitzen!“ Auch wenn anzunehmen ist, dass die Aussage soweit zutreffend ist, und sich in Kasachstan Restaurantbesitzer von Mitgliedern des postkommunistischen Geldadels in ihre Personalentscheidungen hereinreden lassen, nimmt in diesem Moment die Erkenntnis gleich über mehrere Dinge in unserer Runde Gestalt an:

1. Kellnern ist ein Knochenjob. Besonders in Kasachstan.

2. Balinesen sind cooler als Kasachen.
Ogung bleibt selbstverständlich, wir sind hier schließlich nicht in Kasachstan. Und er straft den Gast fortan ganz professionell mit sowohl einer Extraportion Brot als auch mit einer Extraportion Höflichkeit.

3. Alle wissen nun, wer auf dieser Reise der Idiot ist.

Alle – bis auf einen.

© 2013 Vera Wittenberg

The world and the seven seas

Nachdem wir nun eine Woche im Norden Balis in einem Tauchresort herumgedümpelt haben, wird es Zeit für ein Bisschen Abenteuer. Und wie jeder weiß beginnen die richtigen Abenteuer früh morgens. Nach der Uhrzeit muss es also ein Riesenabenteuer sein, das da auf uns zukommt, denn der Wecker geht diesmal um viertel nach drei. Nach Dusche, Kaffee und Frühstücksbanane bringt uns der Fahrer des Alam Anda nach Serangan, einer kleinen Insel im Südosten. Google Maps berechnet uns die Strecke mit einer Fahrtzeit von vier Stunden. Unser Fahrer nimmt eine Abkürzung über das wilde und bergige Hochland. Über einspurige, gewundene Wege und durch dichten Nebel schafft er es in zweieinhalb, so dass wir gut eine Stunde vor dem verabredeten Termin an der Dolphin Lodge ankommen – zur besten Mückenzeit. Hatten wir uns sonst vor Begegnungen mit den Blutsaugern zur Dämmerung immer mit langer Kleidung und einer Extraportion DEET geschützt und so bisher nur knapp zehn Treffer kassiert, ereilt uns der Angriff der Biester nun völlig unvorbereitet: müde, kurzhosig und chemieneutral. Innerhalb weniger Minuten überzieht unsere Beine ein interessantes Punktemuster. Wenn man die Punkte mit einem Filzstift in der richtigen Reihenfolge verbindet, erhält man die Umrisse der Indonesischen Inseln von Bali bis Flores, die wir in den nächsten elf Tagen mit der Adelaar, einem 120 Jahre alten holländischen Zweimaster, umschiffen wollen.

Außer uns sind noch sechs andere Gäste an Bord, die jeder für sich ein wenig das Klischee erfüllen. Und dann auch wieder ein wenig nicht. Mit uns zusammen werden Doreen und Bill übergesetzt, Amerikaner, er 74, sie 60, mitgebotoxter Stirn und gemachter Nase. Sie kommen aus San Francisco. Sie haben die größte und teuerste Kabine an Bord. Valerie und Ian sind Franzosen aus Chamonix, beide sehr schlank und sportlich. Valerie trägt reichlich geschmackvollen Schmuck und falsche Wimpern, die sie auch zum Tauchen nicht ablegen wird, und raucht. „Wir rauchen nicht mehr – außer natürlich Marihuana“, erklärt die Californierin. Zigarillos hingegen raucht Oleg aus Kasachstan, der mit seiner zweiten Frau Armana (deren Name nur zufällig klingt wie die weibliche Form von Armani) als letztes erscheint. Er reist mit gleich zwei Profi-Kameras im Handgepäck, wird diese aber nur ein einziges Mal zu einem Tauchgang mitnehmen. Neben der neuesten und teuersten Taucherausrüstung, deren Vorteile er gerne auch ungefragt erklärt. Als Statussymbole trägt er eine riesige Sonnenbrille, eine Schweizer Uhr der Hochpreiskategorie und Bugatti-T-Shirt. Unmittelbar nachdem er die Planken der Yacht betreten hat, beginnt er mehr oder weniger unauffällig das Name Dropping, wo in der Welt und mit wem er getaucht ist, und was er alles schon gesehen hat. Spontan fällt mir nichts ein, was er noch nicht gesehen hätte, so dass er, was mich angeht, von jetzt an das Tauchen auch drangeben könnte. Alkohol trinken die Kasachen während der gesamten Reise übrigens gar keinen. Nicht einen Tropfen. Es sei denn, sie tun es in der heimlichen Abgeschiedenheit ihrer Kabine, wohin sie sich häufig zwischen den Tauchgängen zurück ziehen.

Wir verbringen so viel Zeit wie möglich draußen und an Deck. Was nicht etwa daran liegt, dass wir (ganz bewusst) die kleinste Kajüte gebucht haben, die wir fortan ‚eine Kabine Kabautz!‘ nennen werden, sondern eher umgekehrt. Draußen ist es einfach herrlich, und der Luxus, Ende November und Anfang Dezember auf dem Deck unter einem Sonnenschutz aus Segeltuch Siesta zu halten ist einfach unbezahlbar, zumal uns die Aussicht auf dahingleitende Vulkaninseln und eine Schule Delfine, die in der Bugwelle der Adelaar spielen und uns eine Weile begleiten, uns eine bessere Unterhaltung bietet als das gut sortierte Entertainment System, das uns in unseren Kabinen zur Verfügung steht. Aber ich greife den Ereignissen vor, denn schließlich sind wir ja gerade erst an Bord gegangen.

„Schuhe aus!“, fordert uns Reto, der schweizer Cruise Direktor auf, und verstaut unsere Fußbekleidung nacheinander in einer Kiste. „Oh, jetzt wird es aufregend!“, freut sich Doreen. Reto grinst. „Wenn du das schon aufregend findest, dann wirst du ja noch überrascht sein.“ Werden wir sicher alle. Denn auf dem Meer gibt es zwar keine Mücken. Dafür aber Mitreisende. Und die können schließlich auch mal für einen gewissen Juckreiz sorgen.

© 2013 Vera Wittenberg

Ein paar hundert Kilometer…

„Ich will nicht nach Vietnam! Vietnam ist schrecklich!“ quengelt es im Taxi vom Platz direkt neben mir. Was selbstverständlich nicht der Ausdruck einer tiefen Abneigung gegen unser nächstes Etappenziel ist. Sondern eine Liebeserklärung an das Land, welches wir gerade im Begriff sind zu verlassen. „Laos hat kein Meer“, versuche ich die Wogen zu glätten. „Da kann man nicht Tauchen.“ – „Mir egal. Ich will hier bleiben!“ Hm. An dem Punkt gehen mir die Argumente aus. Aber es hilft alles nichts. ‚Unser‘ Taxifahrer lädt uns erbarmungslos an dem wahrscheinlich kleinsten internationalen Flughafen der Welt aus, und eineinhalb Stunden später sitzen wir in der zweimotorigen Propellermaschine von Air Laos.

Auch auf dem Weiterflug von Saigon nach Nha Trang hellt sich die Stimmung nicht wirklich auf, und so ist es nur passend, dass es bei der Landung regnet. Da das hoteleigene Tauchcenter erst ab Mittags besetzt ist, und die Tauchfahrten nur morgens angeboten werden, bleibt ein ganzer, wundervoller Tag, die süßen Freuden des Luxusbunkers zu genießen, den ich für uns gebucht habe. Denkste. Erst NICHT Laos, und dann NOCH NICHT EINMAL Tauchen? So sieht die traurige Realität doch aus. Ich bitte energisch darum, Beschwerden zu sammeln, auf einen Zettel zu schreiben und diesen der Reiseleitung ganz am Ende in das Feedback-Kästchen zu werfen. Weil sonst die Reiseleitung nämlich auch schlechte Laune bekommt. Und damit ist dann niemandem geholfen.

Um es kurz zu machen: das Hotel ist toll. Kleine Bungalows verstecken sich in einem üppigen Garten, der jeden morgen genau so sorgfältig geharkt wird wie der Privatstrand. An jeder Seite der Anlage befindet sich ein Pool und ein Restaurant, von denen das eine eher westlich, das andere schwerpunktmäßig vietnamesisch ausgerichtet ist. Weder der Bungalow (Badezimmer mit ‚wow‘-Effekt, zweimal täglich Zimmerreinigung, abends mit ‚Betthupferl‘) noch das Frühstücksbüffet (asiatisch und westlich, allein vierzehn verschiedene Säfte und Shakes, alle erdenklichen Obstsorten am Start!) lassen irgendwelche Wünsche offen. Nur schade, dass ich vor lauter Tauchen kaum Gelegenheit haben werde, das Spa mit diversen Wellness-Angeboten auszuprobieren. Aber da es NICHT LAOS ist, bin ich meinem charmanten Begleiter den Liebesdienst, ihn zum Tauchen zu begleiten, wohl schuldig…

© 2013 Vera Wittenberg

Nobel geht die Welt zugrunde

„Geht ihr heute nicht Tauchen?“ Diese an Absurdität kaum zu übertreffende Frage stellt uns Roland, der Leiter der Tauchbasis. Es ist acht Uhr morgens, und anders als an den vergangenen Tagen haben wir heute keinen Tauchausflug gebucht, der vor dem Morgengrauen beginnt. Daher bleibt vor der planmäßigen Abfahrt noch Zeit, das Frühstücksbüffet zu plündern. „Heute ist Weltuntergang“, gebe ich zurück. „Da will ich wenigstens was Anständiges im Magen haben!“ Zum Glück sind noch jede Menge Pfannkuchen da. Mit Schokosauße. Wieviel Stunden Zeitverschiebung sind es von Ägypten nach Mexiko? Na egal, einer geht noch!

Auf der Tauchbasis ist es mittlerweile ruhig geworden. Für drei Gäste die abreisen, kommt nur ein neuer an. Die Neuankömmlinge sind allesamt Stammgäste und Weihnachtsflüchtlinge. Die Stimmung ist ruhig und familiär, jeder kennt jeden. Und auf den Tauchausflügen besteht die Gruppe selten aus mehr als vier Tauchern. ‚Für Weihnachten planen wir aber schon was besonderes‘, lässt Peter, der Manager der Anlage durchblicken. Er hält zwar nichts von dem rührseligen Weihnachtsgedudel, war aber trotzdem derjenige, der den Glühwein in Auftrag gegeben hat. Der am Anfang ein so starkes Nelkenaroma hatte, dass keiner von uns je wieder Zahnschmerzen haben wird. Nachdem die zweite Runde einstimmig abgelehnt wurde, hatte Roland sich das Gebräu als Kenner der Materie noch einmal vorgenommen, und ihn mit einem Schuss Rum genießbar gemacht. Jetzt hilft er gegen Schmerzen jeder Art, außerdem gegen Magenverstimmung und Fußpilz. Und er schmeckt, und macht außerdem so lustig, dass wir nun statt zum Deko-Bier regelmäßig zum Deko-Glühwein greifen.

Neben der Pfannkuchenfrage wirft das drohende Ende der Welt für uns völlig neue Fragen auf, die wir beim Frühstück diskutieren. „Was passiert wohl,“ überlegen wir gemeinsam mit Donald und Sylvia aus Berlin, die heute abreisen, „wenn ihr im Flugzeug sitzt, während die Welt unter geht? Seid ihr dann die einzigen Überlebenden? Aber wo wollt ihr dann landen?“ Und wenn die Erde weg ist, kann dann das Flugzeug eigentlich abstürzen, wenn der Sprit alle ist? In der örtlichen Touristenzeitung steht nur die Uhrzeit des Sonnen-, nicht die des Weltuntergangs verzeichnet. Ersterer wird heute in Marsa Alam um 18:26 erwartet. Da Zweiterer nicht näher terminiert ist, gehen wir erst einmal Tauchen. Und überlegen, ob und wo wir wieder auftauchen, wenn die Welt untergeht bevor wir wieder oben sind.

Silke beginnt heute mit ihrem Advanced Open Water Kurs. Es steht Kompassnavigation auf dem Programm. Tauchlehrer Hany lässt sie zunächst einen Parcours an Land ablaufen. Die Sozialpsychiaterin hat bei dem koptischen Christen, der die Geduld selbst ist, in den letzten drei Tagen bereits ihren Anfängerkurs absolviert, und war gestern schon mit „uns Großen“ Tauchen. Vielleicht hätten sie mit einer anderen Lektion starten sollen, wie Tieftauchen oder dem Nachttauchgang. Falls sich heute, zum Beispiel durch einen Meteroiten-Einschlag, die Erdachse verschiebt, kann sie vermutlich alles noch mal von neuem lernen.

Auf dem Weg zum Tauchplatz passieren wir eine für die Region völlig untypische Anzahl von Fahrzeugen. Kleinbusse mit Touristen stehen dicht an dicht mit LKWs, die entweder zwanzig Kamele auf ihrer Ladefläche untergebracht haben, oder bis zwei Meter über die Kante des Containers mit Waren aller Art bepackt sind. Zuoberst werden noch drei Karossen von Schrottautos mit Seilen festgezurrt. Die Autoschlange wartet träge vor der örtlichen Tankstelle, an der, durch ein Missverhältnis von Angebot und Nachfrage, die Abfertigung heute nur langsam voran geht. Der Tankwart trägt Kopfhörer im Ohr und eine Kippe im Mundwinkel, während er die altersschwachen Pumpen bedient.
Vielleicht sind wir dem Weltuntergang doch viel näher als gedacht.

Adé, schöne Welt, und liebe Freunde! Es war toll mit euch. Ach ja, und übrigens: Je ne regrette rien!

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