The world and the seven seas

Nachdem wir nun eine Woche im Norden Balis in einem Tauchresort herumgedümpelt haben, wird es Zeit für ein Bisschen Abenteuer. Und wie jeder weiß beginnen die richtigen Abenteuer früh morgens. Nach der Uhrzeit muss es also ein Riesenabenteuer sein, das da auf uns zukommt, denn der Wecker geht diesmal um viertel nach drei. Nach Dusche, Kaffee und Frühstücksbanane bringt uns der Fahrer des Alam Anda nach Serangan, einer kleinen Insel im Südosten. Google Maps berechnet uns die Strecke mit einer Fahrtzeit von vier Stunden. Unser Fahrer nimmt eine Abkürzung über das wilde und bergige Hochland. Über einspurige, gewundene Wege und durch dichten Nebel schafft er es in zweieinhalb, so dass wir gut eine Stunde vor dem verabredeten Termin an der Dolphin Lodge ankommen – zur besten Mückenzeit. Hatten wir uns sonst vor Begegnungen mit den Blutsaugern zur Dämmerung immer mit langer Kleidung und einer Extraportion DEET geschützt und so bisher nur knapp zehn Treffer kassiert, ereilt uns der Angriff der Biester nun völlig unvorbereitet: müde, kurzhosig und chemieneutral. Innerhalb weniger Minuten überzieht unsere Beine ein interessantes Punktemuster. Wenn man die Punkte mit einem Filzstift in der richtigen Reihenfolge verbindet, erhält man die Umrisse der Indonesischen Inseln von Bali bis Flores, die wir in den nächsten elf Tagen mit der Adelaar, einem 120 Jahre alten holländischen Zweimaster, umschiffen wollen.

Außer uns sind noch sechs andere Gäste an Bord, die jeder für sich ein wenig das Klischee erfüllen. Und dann auch wieder ein wenig nicht. Mit uns zusammen werden Doreen und Bill übergesetzt, Amerikaner, er 74, sie 60, mitgebotoxter Stirn und gemachter Nase. Sie kommen aus San Francisco. Sie haben die größte und teuerste Kabine an Bord. Valerie und Ian sind Franzosen aus Chamonix, beide sehr schlank und sportlich. Valerie trägt reichlich geschmackvollen Schmuck und falsche Wimpern, die sie auch zum Tauchen nicht ablegen wird, und raucht. „Wir rauchen nicht mehr – außer natürlich Marihuana“, erklärt die Californierin. Zigarillos hingegen raucht Oleg aus Kasachstan, der mit seiner zweiten Frau Armana (deren Name nur zufällig klingt wie die weibliche Form von Armani) als letztes erscheint. Er reist mit gleich zwei Profi-Kameras im Handgepäck, wird diese aber nur ein einziges Mal zu einem Tauchgang mitnehmen. Neben der neuesten und teuersten Taucherausrüstung, deren Vorteile er gerne auch ungefragt erklärt. Als Statussymbole trägt er eine riesige Sonnenbrille, eine Schweizer Uhr der Hochpreiskategorie und Bugatti-T-Shirt. Unmittelbar nachdem er die Planken der Yacht betreten hat, beginnt er mehr oder weniger unauffällig das Name Dropping, wo in der Welt und mit wem er getaucht ist, und was er alles schon gesehen hat. Spontan fällt mir nichts ein, was er noch nicht gesehen hätte, so dass er, was mich angeht, von jetzt an das Tauchen auch drangeben könnte. Alkohol trinken die Kasachen während der gesamten Reise übrigens gar keinen. Nicht einen Tropfen. Es sei denn, sie tun es in der heimlichen Abgeschiedenheit ihrer Kabine, wohin sie sich häufig zwischen den Tauchgängen zurück ziehen.

Wir verbringen so viel Zeit wie möglich draußen und an Deck. Was nicht etwa daran liegt, dass wir (ganz bewusst) die kleinste Kajüte gebucht haben, die wir fortan ‚eine Kabine Kabautz!‘ nennen werden, sondern eher umgekehrt. Draußen ist es einfach herrlich, und der Luxus, Ende November und Anfang Dezember auf dem Deck unter einem Sonnenschutz aus Segeltuch Siesta zu halten ist einfach unbezahlbar, zumal uns die Aussicht auf dahingleitende Vulkaninseln und eine Schule Delfine, die in der Bugwelle der Adelaar spielen und uns eine Weile begleiten, uns eine bessere Unterhaltung bietet als das gut sortierte Entertainment System, das uns in unseren Kabinen zur Verfügung steht. Aber ich greife den Ereignissen vor, denn schließlich sind wir ja gerade erst an Bord gegangen.

„Schuhe aus!“, fordert uns Reto, der schweizer Cruise Direktor auf, und verstaut unsere Fußbekleidung nacheinander in einer Kiste. „Oh, jetzt wird es aufregend!“, freut sich Doreen. Reto grinst. „Wenn du das schon aufregend findest, dann wirst du ja noch überrascht sein.“ Werden wir sicher alle. Denn auf dem Meer gibt es zwar keine Mücken. Dafür aber Mitreisende. Und die können schließlich auch mal für einen gewissen Juckreiz sorgen.

© 2013 Vera Wittenberg

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