Eine Reise in den Süden

„Hey Scoobidoo und Michael Jackson! Ihr wolltet doch mal die Südpassage tauchen – ich habe da eine Idee!“, begrüßt uns Irène aufgeregt. Morgen ist bereits unser letzter Tauchtag auf Fakarava, und eine Tour in den Süden dauert mit dem Speedboat fast zwei Stunden. Daher wird sie nur für Gruppen ab fünf Leuten angeboten, sonst rechnet sich die Tour für die Basis nicht. Wir hatten deshalb die Hoffnung, die Passage von Tetamanu mit eigenen Augen zu bestaunen, schon fast aufgegeben. „Morgen müssen wir ein Boot in den Süden überführen und jemanden abholen. Da könnt ihr doch mitfahren!“ Einziger Wehrmutstropfen: „Achtet auf Sonnenschutz! Das Boot mit dem ihr unterwegs seid, hat kein Dach!“ Am nächsten Morgen werden wir um viertel vor sieben von unserer ehemaligen Perlenfarm abgeholt. Ausgestattet mit Basecaps und Tüchern gegen die Sonne sehen wir eher aus wie etwas zu bunt geratene Beduinen. Maud, unsere Tauchführerin vom Vortag, steckt uns noch einen Sunblocker zu, um unsere europäischen Bleichgesichter-Nasen zu schützen. Aber Irène lässt uns noch nicht ziehen: „Sicher habt ihr noch nichts gegessen, weil es noch so früh ist. Setzt euch!“ Widerstand ist zwecklos. Auch die Beteuerung, dass die Havaiki Lodge gar kein Problem damit hatte, uns eine halbe Stunde vor der Zeit zum Frühstücksbuffet zu lassen, rettet uns nicht vor Irènes Mutterinstinkt. Auf dem Tisch in der Tauchbasis stehen Thermoskannen mit Kaffee, Saft, Obst, Kekse und frische Croissants, ohne die sie uns nicht fahren lässt. Eine Viertelstunde später macht das Speedboat bei spiegelglattem Wasser seinem Namen alle Ehre und nimmt ordentlich Speed auf. Wir schaffen die Strecke zum südlichsten Punkt der Lagune in nicht mal eineinhalb Stunden und verblasen dabei locker achtzig Liter Sprit. Die Zeit vom Zwangsfrühstück holen wir locker wieder raus!

Der Süden des Atolls kommt uns vor wie das Ende der Welt. Neben einer Pension, malerisch gelegen auf einer Landzunge direkt am und im Wasser und einer Dependance unserer Tauchbasis in Form einer Baracke mit Kochnische gibt es allerdings sogar ein Dorf dort. Jedoch ist nichts auf dem Landweg erreichbar. Das kleine Dorf Tetamanu hat trotzdem eine echte Sehenswürdigkeit zu bieten. Nämlich eine winzige Kirche aus Korallengestein. Diese Kirche aus dem frühen 19. Jahrhundert ist das erste christliche Bauwerk in Französisch Polynesien. Im Süden Fakaravas landeten 1797 die ersten Missionare, und die Christianisierung der Inseln nahm hier ihren Anfang. Heute sind die Hälfte der Einwohner evangelisch, weitere dreißig Prozent katholisch. Aber erstens sind wir nicht zum Sightseeing hier. Uns interessieren ja eher die Sehenswürdigkeiten unter Wasser. Und zweitens bedeckt mein 5 mm Neoprenanzug zwar sittsam Knie und Schultern, trotzdem fühle ich mich darin für einen Kirchenbesuch nicht angemessen gekleidet.

Erwan, Bretone und damit legitimer Nachfahre von Asterix und Obelix, ist der Leiter der Tauchbasis. Seine Mitarbeiter haben den drahtigen Mann für fünf Tage ins Exil nach Tetamanu geschickt – sicherlich für den einen oder anderen Leser eine interessante Option, sich seinen Chef eine Weile vom Leib zu halten. In der Mittagspause erzählt er uns seine Geschichte. Nachdem er bereits viele Jahre in Französisch Polynesien gelebt hat, wagte er die Rückkehr. Wollte Frankreich und einem geordneten Leben noch einmal eine Chance geben. Er kaufte ein kleines Hotel in Nizza und führte es sieben Jahre lang – bevor er es vor lauter Sehnsucht nicht mehr aushielt und er zurück in die Südsee wollte. Er verkaufte das Hotel, verließ seine Freundin, und folgte dem Ruf. Und jeden Tag, wenn er seinen Kopf unter die Wasseroberfläche steckt, weiß er wieder, warum.

Die Südpassage von Fakarava ist eine der wenigen Passagen, die man sowohl bei einlaufendem als auch bei auslaufendem Wasser betauchen kann. „Die Stömung ist hier nicht ganz so stark, und sie drückt auch nicht nach unten“, erklärt uns Erwan. Wir haben Glück: da die Gezeiten wechseln, können wir den ersten Tauchgang bei auslaufender Strömung, den zweiten dann bei Einwärtsströmung machen. Das auslaufende Wasser reißt viele Schwebestoffe aus der Lagune mit, so dass die Sicht normalerweise schlechter ist. „Dafür haben wir dann mehr Haie!“, freut sich unser Guide. Und tatsächlich wimmelt das Wasser nur so vor dreieckigen Rückenflossen. Auch diesmal ist wieder ein kapitaler Zitronenhai zwischen der nicht enden wollenden Schar von Schwarzspitzen- und Grauhaien. Besonders beeindruckend: wenn sie plötzlich bei trübem Wasser aus dem Nichts vor dir erscheinen. Auch wenn wir bisher genug Erfahrung mit diesen Tieren haben um zu wissen, dass wir nicht auf ihrer Speisekarte stehen, erhöht der Dunstschleier im Wasser den Thrill-Faktor noch einmal ungemein.

Die Oberflächenpause verbringen wir in einer kleinen Bucht direkt am Anlegesteg des Dorfes Tetamanu, die Erwan seinen ‚Swimming Pool‘ nennt. Tiefe und Temperatur erinnert eher an ein Nichtschwimmerbecken, allerdings ist das Wasser deutlich klarer. Und so kann man gut erkennen, was sich neben uns sonst noch in der Bucht tummelt. Dabei könnte man den fast eineinhalb Meter großen Napoleon auf Kuschelkurs selbst im trübsten Tümpel nicht übersehen, denn er ragt gut zu einem Drittel aus dem Wasser. Seine Familienmitglieder sind alle etwas kleiner geraten, aber ebenfalls fast handzahm. Dazwischen tummeln sich neben Flöten- und anderen Rifffischen gut acht bis zehn kleine Schwarzspitzenriffhaie. Verrückt – hier sieht man bei der Oberflächenpause mehr Haie als anderswo während des Tauchgangs!

Der nächste Sprung ins Wasser soll unser letzter auf Fakarava sein. Hat irgendwer behauptet, die Strömung sei hier im Süden nicht so stark? Dafür peitscht sie uns aber recht ordentlich durch den Kanal. Und mit uns ist wieder eine unglaubliche Anzahl von Haien auf dem Weg ins Innere der Lagune. Was für ein unvergesslicher Anblick! Mit stahlenden Gesichtern klettern wir zurück ins Boot und treten den Rückweg an. Am  Kai erwarten uns Irène und Maud: „Wie war’s?!?“ Unsere Gesichter sprechen Bände! Und mit jeder Menge francophiler Wangenküsschen verabschieden wir uns von dieser liebenswerten Mannschaft unserer ersten ‚Tauchstation‘. Jeden einzelnen haben wir ins Herz geschlossen!

PS: Für unseren Tagesausflug hat uns Irène nicht einen Centime zusätzlich berechnet. „Wir mussten doch sowieso in den Süden fahren“, sagt sie. Und freut sich, dass wir so viel Spaß hatten. Wie man sieht, sind diese ganz besonderen Inseln vom Rest der Welt unglaublich weit entfernt.

© 2013 Vera Wittenberg

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