Fine des Claires

Auf Fakarava angekommen, erhalten wir bereits am Flughafen von fröhlichen jungen Menschen unsere obligatorischen Blumenketten. Trotz 40 Stunden Anreise fällt es schwer, sich bei strahlend blauem Himmel und dreißig Grad von der guten Laune nicht anstecken zu lassen. Unsere Koffer werden von den Regalen, die hier anstelle von Gepäckbändern eingesetzt werden, auf einen Pick up verladen, wir selbst nehmen in einem lustigen Gefährt aus Holz statt, mit dem man im Sauerland Vatertagsausflüge unternehmen würde. Bierfässer: Fehlanzeige. Stattdessen kommen mit uns zwei bereits vorgebräunte Schweizer an, ebenfalls mit Tauchgepäck, ein deutsches Paar mit Ossi-Akzent und eine siebenköpfige Polynesierfamilie.

Unsere Pension, das Havaiki Lodge, liegt mit dem Sambawagen zehn Minuten vom Flughafen entfernt und ist eine ehemalige Perlenfarm. Was der westlichen Welt der dot.com-Crash und die Bankenkrise, war in Französisch Polynesien der Verfall des Perlenpreises durch chinesische Billigproduktion, die dazu führte, dass nur noch die großen Perlenfarmen kostendeckend produzieren konnten. Durch Hinzufügen von sechs bis acht Beach Bungalows zur vorhandenen spärlichen Infrastruktur wurde aus der Anlage am Rand der „Hauptstadt“ Rotoava eine annehmbare Unterkunft mit einem kleinen, aber feinen Restaurant. In Empfang genommen werden wir von Claire, einer weißblonden, zierlichen Lichtgestalt, die über das Anwesen schwebt, ohne den Sand zu berühren. Sie sieht so aus, als habe sie vor der Übernahme der Lodge als Elbenprinzessin gearbeitet, auch wenn Micha meint, ‚Claire‘ klinge eher nach französischem Hardcore Porno. Ich kann mir hingegen nicht vorstellen, dass das Geschöpf, von uns Neuankömmlingen im weiteren nur ‚Arielle‘ genannt, jemals laute Geräusche von sich gegeben geschweige denn in besoffenem Kopf im Dunkeln gegen einen Mülleimer gelaufen ist. Unser Zimmer befindet sich kurz hinter dem Restaurant in einem Haus auf Stelzen, von dem aus man einen schönen Blick auf die Lagune hat und durch das ständig eine leichte Brise zieht. Peter und Beatrix, die Ossis, wohnen direkt nebenan. Sanny und Peter aus der Schweiz haben sich einen Beach Bungalow gegönnt. Die Polynesischen Großfamilie zieht direkt gegenüber von uns ein und spielt den Rest des Abends Ukulele, während wir Europäer unsere Kulturelle Überlegenheit dadurch dokumentieren, dass wir die Erzeugnisse der örtlichen Braukunst in Form von im Supermarkt erstandenen Dosenbier im Sonnenuntergang degustieren.

Das Hinano kommt in fröhlichen blauen Dosen mit einem in rot gekleideten Blumenmädchen daher und ist mild im Abgang, der Sonnenuntergang sieht aus wie auf einer Postkarte und taucht Himmel, Lagune und Strand in Pink- und Orangetöne. Lange genießen können wir ihn nicht, denn, wie man im Ruhrgebiet sagt: wir essen zeitig. Und wir erfahren, dass man aus Austern noch mehr machen kann als nur Perlen. Das marinierte Muskelfleisch der Perlenmuscheln heißt Kikiri, schmeckt wie Jacobsmuschel und ist, wen wundert es, eine örtliche Spezialität. Der Jetlag sorgt schließlich dafür, dass uns beim Essen noch vor dem Nachtisch der Kopf in die Butter fällt und um halb neun Ortszeit, das wäre zuhause um halb acht am folgenden Morgen, die Lichter aus sind.

© 2013 Vera Wittenberg

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