Nobel geht die Welt zugrunde

„Geht ihr heute nicht Tauchen?“ Diese an Absurdität kaum zu übertreffende Frage stellt uns Roland, der Leiter der Tauchbasis. Es ist acht Uhr morgens, und anders als an den vergangenen Tagen haben wir heute keinen Tauchausflug gebucht, der vor dem Morgengrauen beginnt. Daher bleibt vor der planmäßigen Abfahrt noch Zeit, das Frühstücksbüffet zu plündern. „Heute ist Weltuntergang“, gebe ich zurück. „Da will ich wenigstens was Anständiges im Magen haben!“ Zum Glück sind noch jede Menge Pfannkuchen da. Mit Schokosauße. Wieviel Stunden Zeitverschiebung sind es von Ägypten nach Mexiko? Na egal, einer geht noch!

Auf der Tauchbasis ist es mittlerweile ruhig geworden. Für drei Gäste die abreisen, kommt nur ein neuer an. Die Neuankömmlinge sind allesamt Stammgäste und Weihnachtsflüchtlinge. Die Stimmung ist ruhig und familiär, jeder kennt jeden. Und auf den Tauchausflügen besteht die Gruppe selten aus mehr als vier Tauchern. ‚Für Weihnachten planen wir aber schon was besonderes‘, lässt Peter, der Manager der Anlage durchblicken. Er hält zwar nichts von dem rührseligen Weihnachtsgedudel, war aber trotzdem derjenige, der den Glühwein in Auftrag gegeben hat. Der am Anfang ein so starkes Nelkenaroma hatte, dass keiner von uns je wieder Zahnschmerzen haben wird. Nachdem die zweite Runde einstimmig abgelehnt wurde, hatte Roland sich das Gebräu als Kenner der Materie noch einmal vorgenommen, und ihn mit einem Schuss Rum genießbar gemacht. Jetzt hilft er gegen Schmerzen jeder Art, außerdem gegen Magenverstimmung und Fußpilz. Und er schmeckt, und macht außerdem so lustig, dass wir nun statt zum Deko-Bier regelmäßig zum Deko-Glühwein greifen.

Neben der Pfannkuchenfrage wirft das drohende Ende der Welt für uns völlig neue Fragen auf, die wir beim Frühstück diskutieren. „Was passiert wohl,“ überlegen wir gemeinsam mit Donald und Sylvia aus Berlin, die heute abreisen, „wenn ihr im Flugzeug sitzt, während die Welt unter geht? Seid ihr dann die einzigen Überlebenden? Aber wo wollt ihr dann landen?“ Und wenn die Erde weg ist, kann dann das Flugzeug eigentlich abstürzen, wenn der Sprit alle ist? In der örtlichen Touristenzeitung steht nur die Uhrzeit des Sonnen-, nicht die des Weltuntergangs verzeichnet. Ersterer wird heute in Marsa Alam um 18:26 erwartet. Da Zweiterer nicht näher terminiert ist, gehen wir erst einmal Tauchen. Und überlegen, ob und wo wir wieder auftauchen, wenn die Welt untergeht bevor wir wieder oben sind.

Silke beginnt heute mit ihrem Advanced Open Water Kurs. Es steht Kompassnavigation auf dem Programm. Tauchlehrer Hany lässt sie zunächst einen Parcours an Land ablaufen. Die Sozialpsychiaterin hat bei dem koptischen Christen, der die Geduld selbst ist, in den letzten drei Tagen bereits ihren Anfängerkurs absolviert, und war gestern schon mit „uns Großen“ Tauchen. Vielleicht hätten sie mit einer anderen Lektion starten sollen, wie Tieftauchen oder dem Nachttauchgang. Falls sich heute, zum Beispiel durch einen Meteroiten-Einschlag, die Erdachse verschiebt, kann sie vermutlich alles noch mal von neuem lernen.

Auf dem Weg zum Tauchplatz passieren wir eine für die Region völlig untypische Anzahl von Fahrzeugen. Kleinbusse mit Touristen stehen dicht an dicht mit LKWs, die entweder zwanzig Kamele auf ihrer Ladefläche untergebracht haben, oder bis zwei Meter über die Kante des Containers mit Waren aller Art bepackt sind. Zuoberst werden noch drei Karossen von Schrottautos mit Seilen festgezurrt. Die Autoschlange wartet träge vor der örtlichen Tankstelle, an der, durch ein Missverhältnis von Angebot und Nachfrage, die Abfertigung heute nur langsam voran geht. Der Tankwart trägt Kopfhörer im Ohr und eine Kippe im Mundwinkel, während er die altersschwachen Pumpen bedient.
Vielleicht sind wir dem Weltuntergang doch viel näher als gedacht.

Adé, schöne Welt, und liebe Freunde! Es war toll mit euch. Ach ja, und übrigens: Je ne regrette rien!

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